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CD-Review Talking Heads Once In A Lifetime   CD-Review ::: Talking Heads - Once In A Lifetime

Review Talking Heads - Once In A Lifetime  
Review

Talking Heads
Once In A Lifetime
Capitol / EMI
erschienen im November 2003
Urban-White-Funk-World Music
 
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Es gab eine Zeit, da waren die Talking Heads ohne Wenn und Aber, ohne auch nur den sanftesten Hauch eines Zweifels die wahrlich beste Band der Welt. Circa 1980 war das, als das Quartett um den genialischsten Stadtneurotiker seit Woody Allen, David Byrne, mit seinem Opus Magnum "Remain In Light" einen Meilenstein in der Geschichte der Rock- und Pop-Musik vorlegte. Aber auch schon auf den drei ersten Alben, "Talking Heads: 77", "More Songs About Buildings And Food" und "Fear Of Music" hatte die Band (die von Gitarrist Jerry Harrison, Bassistin Tina Weymouth und Schlagzeuger Chris Frantz komplettiert wurde) bewiesen, dass man zwar einerseits in der Folge der Punk- und New Wave-Bewegung der späten Siebzigerjahre ans Licht der Öffentlichkeit gespült worden war, dass man aber andererseits mit dem rüden Rotz-Rock der Sex Pistols oder dem Bubblegum-Punk der Ramones musikalisch rein gar nichts am Hut hatte. Vielmehr stand die Urban-White-Funk-World Music, die die Band immer weiter perfektionierte (bis sie auf "Remain In Light" besagtes Meisterwerk ablieferte), ganz im Zeichen von Byrnes intellektuellen Geistesblitzen. Immer angelegt irgendwo zwischen Stream Of Consciousness, abstrakten Betrachtungen über das postmoderne Leben in der Großstadt ("Cities": "...find myself a city to live in..."), Geschichten aus dem täglichgen Sterben ("Life During Wartime": "...this ain't no party, this ain't no disco, this ain't no folling around...") oder einer nachdenklich-wehmütigen, Ambient-gefärbten Hymne auf die amerikanischen Ureinwohner ("Listening Wind": "...Mojique sees his village from a nearby hill, Mojique thinks of days before Americans came...). Und bis auf den heutigen Tag bleibt vor allem "Remain In Light" die überzeugendste, weil eigenständigste Funk-Musik, die wohl je von Weißen gespielt wurde.

Wie sagte doch der spätere Pop-Papst Diedrich Diederichsen einst im längst verblichenen Sounds (übrigens bis zum heutigen Tag das beste deutsche Musik-Mag überhaupt): "Wir hatten Bob Dylan, wir hatten John Lennon, wir hatten Rock-Helden, Pop-Madonnen, Punk-Ikonen, Rotten und Strummer und Debbie Harry - wir hatten einige Dutzend starker, oft imitierter, z. T. mythischer Personifizierungen von Zeitgeist... nur wenige waren wirklich gut, aber die letzte - obwohl inzwischen drei Jahre alte Idee, was ein Rock-Musiker noch für ein Mensch sein kann - war Byrne... Er war der Archetyp des hochaufgeschossenen, ernsten, intellektuellen, knochigen, schwarz-gekleideten jungen Mannes... und die Talking Heads kamen als kluge, zerbrechliche Leute daher und hatten trotzdem den Der-Minuten-Charme ihrer Freunde von Blondie." Recht hat(te) der Mann und weil diese Leistung eine entsprechende Würdigung verdient, hat EMI den Talking Heads nun ein Box-Set gewidmet, das sowohl dem Inhalt als auch der Form nach den Begriff Opulenz ganz neu definiert. Und in der Tat ist schon die Form ungewöhnlich. Man stelle sich vier CDs vor, die neben einander gelegt werden. Dann hat man das in die Länge gezogene, schmale Format. Das Cover zeigt in eigenartig-naivem Stil eine Art Stillleben aus dem Paradies. Nackte Menschen sind da zu sehen, die scheinbar friedlich koexistieren neben Löwe, Wolf und Bär. Im Innenteil gibt es dann ein achtzigseitiges, exquisites Booklet mit Erinnerungen, Fotos, Anekdoten, Essays und einer umfassenden Discographie.

Nun aber zum wichtigsten, der Musik. Und auch da lässt sich "Once In A Lifetime" nicht lumpen. Mit 55 Songs, zum Teil in bis dato unveröffentlichen Versionen, dokumentiert die 3-CD-Box die gesamte Karriere der Band, die nach "Remain In Light" mit Alben wie "Speaking In Tongues", vor allem aber mit "Little Creatures" und dem wohl größten Hit der Band, "Road To Nowhere", allmählich in Richtung Studenten-Party-Musik ging und dann 1988 mit der Welt-Musik von "Naked", dem achten regulären Studio-Album, ausklang. 55 geteilt durch 8 macht 6,875 Songs, die die Macher der Box demnach statistisch jedem Vinyl-Album eingeräumt haben. Man sieht also, es fehlt nur wenig. Und das, was fehlt (etwa "The Great Curve" von Remain In Light") wird durch die Bonus-DVD mit den umwerfenden Videos der Band allemal wett gemacht. Denn auch auf diesem Feld zeigten die Talking Heads ihre ganz eigene Klasse. Als Fazit lässt sich also feststellen: "Once In A Lifetime" ist tatsächlich das einzigartige Dokument einer einzigartigen Band. Ein perfektes Geschenk - nicht nur - für alle Großstadt-Neurosen geplagten Post-Modernisten!
 
Andreas Kötter
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