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Die Pop-Hauptstadt Deutschlands ist...
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CD-Review ::: Oh Susanna - Oh Susanna |
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Da, wo's hingehört.
Singer/Songwriterin und Gitarristin Suzie Ungerelider aka Oh Susanna macht es mit dem Helloween-Prinzip: Tradition, eine dunkle Seite und Süßigkeiten. Denn ihre Songs sind wie Schoko-Muffins mit Rasierklingen drin, eine amerikanische Flagge (obwohl sie Kandierin ist) mit Messer im Rücken.
In ihren Vorgänger-Platten war diese dunkle Seite noch sehr offensichtlich das hauptsächliche Thema: Gruselgeschichten, Mord, Gewalt, Armut und Not. Ihr 1997er Album "Johnstown" wird als das weibliche Pendant zu Nick Caves "Murder Ballads" bezeichnet. Oh Susannas neues Album nun erscheint vordergründig leichter, lichter und musikalisch rockiger. Zwölf klassische Songs, die perlend kein Wässerchen trüben, abgesehen von den unter dem Wasser lauernden, Jahrtausende alten gequälten Seelen, denen Suzie Ungerleider eine Stimme verleiht, was überhaupt ihre Lieblingsbeschäftigung zu sein scheint.
Unter diesen Seelen finden wir alte Jungfern im Opener "Carrie Lee", Töchter aus gewalttätigen Elternhäusern, die dennoch zur Mutter zurückkehren ("Mama": Well, it's been a long time now since I buried that pain / but knowing you’re back there still, I feel it fresh and plain), noch kleinere Töchter mit Rache-Gedanken ("Zoe": You will see that I am great / 'specially now that I'm eight) und einen verstorbenen Drogensüchtigen im Schlusssong "Billy". Dazu das Bob Dylan–Cover "I'll Keep It With Mine", ein Protest-Song namens "Cain Is Rising" (der mal locker den Platz von Mc Cartneys "Freedom" hätte einnehmen sollen), Road- und Liebeslieder ("The Fall": We ran over the hill into the easterly breeze / knowing what was to come made me weak in the knees... Before you had ended your song, I was down on the floor / I had fallen so deep that my tongue had tasted the stars), eine Hommage an die Rolling Stones in Memoriam Suzies 12-jähriger Phantasie, Mick Jagger zu sein ("Right By Your Side") und eine sehr alt klingende, romantische Weise, die bereits ein Traditional sein könnte ("Down By The Quarry").
Suzie Ungerleider wuchs in einer von Musik besessenen Familie auf. Sie hörten Ella Fitzgerald, Duke Ellington und Leonard Bernstein genauso wie Bob Dylan, die Beatles, Sam Cooke und Pete Seeger. Sie verbrachte ihre Jugend damit, in den Folk-Platten ihrer Tante und ihres Onkels zu wühlen, auf Folk-Festivals in Jericho Beach und beim Schlamm-Pogo auf Punk-Shows aller Altersklassen in Vancouver. Sie sah die L.A.-Punkband X Songs von Woodie Guthrie zocken und die Rolling Stones Lieder von Robert Johnson und Otis Redding. Für sie ist dies alles verbunden: Folk Music, Punk und Rock'n'Roll (eine Auffassung übrigens, die sie mit meiner persönlichen musikalischen Superheldin Ani DiFranco teilt).
Suzie Ungerleider, die (zumindest im Booklet) aussieht wie die kleine Schwester von Polylux' Tita von Hadenberg hat eine bezaubernde, rauchig-glockige Country-Stimme, die mich manchmal an Sam Brown erinnert und ihr übriges zum Country-Folk-Klassiker-Vergleich tut. Honky-Tonk und Steel-Guitar, Horn-Sections und bisschen trockenes Piano und Streicher in den ruhigen Stücken - eigentlich auch ein Arrangement, wie es Bands auf Straßenfesten und in Bierzelten pflegen, was meistens schal schmeckt und ein ganz ungutes Gefühl hinterlässt, auch - oder gerade wenn - man mit getanzt hat. Je nach musikalischer Sozialisation aber ist Oh Susanna ein Glücksfall und so einer für mich (musikal. Sozialisation u.a.: Bob Dylan, Crosby, Stills, Nash & Young, Linda Ronstadt).
Eine Ironie: die amerikanischen Saubermann-Musikstile mit subversiven Texten so zu versauen. In der Info ist dies gar so schön ausgedrückt, daß ich zitieren muss: "Hartes Zeug, aber verpackt in lässigen Steelguitar-Nachmittagspop, der sich fast auf die Playlisten der Trucker-Radios schleichen könnte – wo er mit seiner versteckten Message mehr als hingehören würde, damit dem einen oder anderen Redneck das T-Bone-Steak im Halse stecken bleibt."
Und wenn ich das nächste Mal an einem wunderschönen Country Noir-Nachmittag in einer 50er-Jahre-Schürze in der Küche stehe, einen fetten Kuchen backe und dazu Oh Susanna höre, werde ich nachher ganz bestimmt fragen: "Oh Schatz, habe ich etwa Salz statt Zucker benutzt?"
Vanessa Romotzky
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