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Die Pop-Hauptstadt Deutschlands ist...
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CD-Review ::: Klaus Kinski - Jesus Christus Erlöser |
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Am 20. November 1971 steht der mittlerweile 45-jährige Klaus Kinski - 1926 als Nikolausz Gunther Nakszynski in Zoppot / Polen geboren - alleine auf der Bühne der Berliner Deutschlandhalle. Ein langer Steg ragt ins Publikum, muskelbepackte Hünen säumen den Rand, Dienst-Hunde mit ihren Hundeführern stehen einsatzbereit. Jesus Christ Superstar, Flower Power, Hippie-Kult, RAF, Sit-Ins und dogmatischste Diskussionsschlachten zeichnen die jetzt schon abebbende 68er-Ära. In dieser Zeit sind die Herzog Filme noch Zukunft. Und Kinski spricht seine Version des Neuen Testaments in seiner unnachahmlichen Art: Mit vollstem Einsatz, mit größter Präsenz und Eindringlichkeit. Der Text und die Person verschmelzen und erheben sich zur Botschaft "an sich". Der Zweifel wird angesichts dieser Wort- und Sprachgewalt zum lächerlichen Störenfried. Die Vorstellung beginnt: Der Einheitspreis von zehn Mark erregt schon im vorhinein die fast 4000 versammelten Gemüter. Diese müssen zunächst auf den Meister des Wortes warten, was die Atmosphäre nicht gerade freudig stimmt. Dann beginnt ER: "Gesucht wird Jesus Christus. Angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen; Verschwörung gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen. Angeblicher Beruf: Arbeiter. Nationalität: Unbekannt. Deckname: Menschensohn, Friedensbringer, Licht der Welt, Erlöser. Der Gesuchte ist ohne festen Wohnsitz. Er hat keine reichen Freunde und hält sich meist in ärmlichen Wohngegenden auf. Seine Umgebung sind Gotteslästerer, Staatenlose, Zigeuner, Prostituierte, Waisenkinder, Kriminelle, Revolutionäre, Asoziale, Arbeitslose, Obdachlose, Verurteilte, Eingesperrte, Gejagte, Mißhandelte, Zornige, Kriegsdienstverweigerer, Verzweifelte, schreiende Mütter in Vietnam, Hippies, Gammler, Fixer, Ausgestoßene, zum Tode Verurteilte. ..." Aber Kinski kommt nicht weit. ER wird veralbert, Diskussionswütige melden sich zu Wort und wollen reden. Darauf geht Kinski zunächst ein, rastet aber sofort aus, weil IHN Widerspruch, sicherlich auch dieser Rede- und Diskussionskult nervt. Irgendwann bricht ER ab, geht von der Bühne, ER soll in der Gaderobe randaliert haben. Und: ER kommt wieder. Ein neuer Versuch, auch dieser scheitert. Der dritte Anlauf findet nur noch vor einem stark reduzierten Publikum statt. Es sind die oben beschriebenen, die noch ausharrten, um IHM zuzuhören. Der Rest gab sich mit dem erreichten Eklat zufrieden. Diese Doppel CD ist hervorragendes Dokument der Zeit. Die vorangestellte Kurzreportage, ist eine gelungene Einleitung zur folgenden Rezitation. Das ausführliche Booklet enthält alle Texte und Zwischenrufe und wird eingeleitet durch einen Zeitzeugen, Volker Kühn, der diese Nacht aus seiner Sicht beschreibt. Bedauerlich sind die hier vermerkten "platten" Attribute "Film-Bösewicht in Jesus Latschen" und "Krach-Kinski". Diese Titulierung öffnet allzuleicht die Schublade "Skandal" und schütz so vor der Auseinandersetzung mit dem Inhalt. In der aktuellen Kinski-Welle, nicht zuletzt durch Herzogs Film "Mein liebster Feind" geschürt, wirft diese Aufnahme noch mal ein besonderes Licht auf diesen großartigen Schauspieler mit Sendungsbewußtsein. Inhaltlich ist dieses leidenschaftliche Credo für eine bessere, menschlichere Welt fernab von Christentum und Esoterik brandaktuell und heute ebenso tragfähig wie '71. Das spricht für die Kunst! Die Reaktionen und die Provokation dieses "Skandals" sind die sehr deutsche Reaktion gerade in den Siebzigern.
Mr. Undercover
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