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CD-Review Bernd F. Marseille Franz Schuberts Klaviersonaten D 784 und D 960   CD-Review ::: Bernd F. Marseille - Franz Schuberts Klaviersonaten D 784 und D 960

Review Bernd F. Marseille - Franz Schuberts Klaviersonaten D 784 und D 960  
Review

Bernd F. Marseille
Franz Schuberts Klaviersonaten D 784 und D 960
Cybele / Cybele

Klassik
 
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Bernd F. Marseille, Düsseldorfer Pianist, hat soeben seine Debüt-CD veröffentlicht. Der Schüler von Rudolf Buchbinder und Yvonne Lefébure, Jahrgang 1955, präsentiert sich mit den Klaviersonaten a-Moll op. 143 D 784 und B-Dur op. posth. D 960, der letzten, zwei Monate vor Schuberts Tod vollendeten Sonate.
Gibt es, vor allem im Falle der B-Dur-Sonate, bereits zahlreiche Einspielungen auch der namhaftesten Pianisten, so ist diese Aufnahme doch als Ausnahmeerscheinung auf dem weiten Feld der Klaviermusik zu würdigen. Marseilles Musik entfaltet in beiden Werken ungeahnte Welten klanglicher Inszenierung. Sein Klavierton umfaßt ein Farbspektrum äußerster Breite und demonstriert zugleich abgeklärte Gelassenheit und innere Substantialität. Marseille ist in der Lage, sowohl lyrische Passagen in völliger Weichheit nachzuzeichnen, als auch einen äußerst kompakten und satten, jedoch niemals unkontrollierten Klavierklang zu erzeugen.
In völliger Ruhe und Ausgewogenheit erlangt die Interpretation beinahe metaphysische Verklärtheit und läßt die Werke über ihre Materialität hinauswachsen. Mit entrückender Noblesse breitet Marseille ein musikalisches Kaleidoskop zwischen abgründiger Dunkelheit und pianistischem Leuchten vor sich aus, dessen höchste klangliche Differenziertheit mit interpretatorischer Nachdenklichkeit und geradezu philosophischer Größe korrespondiert.
Vor allem im ersten Satz der a-Moll-Sonate ist die innerliche Verwandtschaft zur Winterreise zu erkennen, deren stets immanente Bedrohlichkeit hier gleich zu Anfang latent ist, während das Andante stoische Ruhe und Zuversicht ausstrahlt. Im dritten Satz vollzieht sich schließlich der pianistische Ausbruch, stets technisch souverän und voller Energie und Entschlossenheit. Das Gefühl unbestimmter, bedrohlicher Vorahnung kehrt jedoch auch hier wieder unweigerlich in Gestalt des zweiten Themas zurück, das Marseille eben nicht ausschließlich gesanglich und heiter spielt, sondern mit unbewußter Bedrückung mischt.
Genau diese ahnungsvolle Obsession wird in der B-Dur-Sonate scheinbar tröstender Gelassenheit gegenübergestellt. Bemerkenswert ist hier wiederum vor allem die Klarheit, mit der jeder Ton unmittelbare Bedeutung erfährt und nicht einer pauschalen Geste unterstellt wird. Vor allem der zweite Satz offenbart die Todesahnung und Verzweiflung, die Schuberts Spätwerk anhaftet. Marseille konfrontiert diese versunkene Finsternis mit der emporsteigenden Ruhe des Mittelteils, dessen majestätische Dur-Wendung in überirdischer Schönheit erstrahlt. Der dritte Satz folgt in geradezu graziöser Lebendigkeit und Unbeschwertheit, ohne jemals vordergründig oder gar oberflächlich zu werden. Selbst hier ist eine Tiefe vorhanden, die dem Werk in dieser Interpretation ungeheure Bedeutung beimißt.
Der vierte Satz schließlich ist die Erfüllung der Breite dieses Kosmos, der das Werk als ein Vermächtnis Schuberts an die Welt erscheinen läßt. Ein Vermächtnis, dem Marseille angemessene Gestalt zu verleihen weiß.
 
Christoph Marquardt
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