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Die Pop-Hauptstadt Deutschlands ist...
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CD-Review ::: Andy Bell - Electric Blue |
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Schon lange hatte Andy Bell (41), üblicherweise Frontmann des britischen Popduos Erasure ("A Little Respect", "Love To Hate You", "Breathe"), davon gesprochen, mal ein Solo-Album zu machen. Doch die Nachricht, dass er dies ausgerechnet mit dem Londoner DJ-Duo Manhattan Clique - Chris Smith und Philip Larsen - tun würde, ließ die Fans nicht unbedingt aufjubeln. Man ahnte eben fades Bassgestampfe und brachiales Technogetöse. Aber weit gefehlt. Bells Solo-Album ist zu einem packenden und mitreißenden Dancefloor-Werk geraten, das sogar einiges von jener Energie und jenem Esprit zu bieten hat, die den letzten Erasure-Scheiben abhanden gekommen waren. Vor dem Album erscheint die Single "Crazy", ein hochmodernes Disco-Stück, zu dem Erasure-Partner Vince Clarke immerhin einen schicken Remix liefert. Und auch für sein Erstlingsalbum hat Andy Bell prominente Unterstützung erhalten: Mit Claudia Brücken, einst Sängerin bei den deutschen Avantgarde-Poppern von Propaganda, singt er gleich zwei Duette ("Love Oneself" und "Delicious"). Auch Jake Shears, ansonsten lidschattentragende Stimme der Synthetikpopper Scissor Sisters, ist auf "Electric Blue" zu hören ("I Thought It Was You").
Die Songs im einzelnen (Gesamtspielzeit: 51 Minuten, 59 Sekunden):
"Intro": Sphärisches Synthie-Gewaber mit Sangesfetzen... "Please Can't You See, I Love You, That's The Truth...". Dann plötzlich fliegt eine spanische Gitarre durch die Soundlandschaft...
"Caught In A Spin": Spanische Gitarre, knarrende, reibende Synthiesounds im Untergrund, wirbelnder Rhythmus - ein Popsong zum Wohlfühlen, der im Gehörgang kleben bleibt. Süßer Diskopop vom Feinsten.
"Crazy": Stampfende, treibende Beats, griffige Synthie-Riffs. Man muss einfach mitnicken. Rauschender Refrain, pulsierende Sounds - eine energiegeladene Dancefloor-Hymne, die einen schlichtweg verrückt machen kann. Genialer Break in der Mitte.
"Love Oneself": Ähnlichkeiten mit der Pet Shop Boys-Nummer "Love Comes Quickly" sind wohl eher zufällig denn gewollt. Das Duett mit Claudia Brücken elektrisiert - perlende, pulsierende Synthetiksounds.
"I Thought It Was You": Arg gewöhnungsbedürftige Funk-Nummer, durch die Jake Shears (Scissor Sisters) viel zu oft quäken darf. Man muss diese Art von Gesang echt mögen, um den Song bis zum Ende zu ertragen... Dabei ist der Rhythmus so schön mitreißend!
"Electric Blue": Harter Synthetikstoff mit trommelndem Beatteppich, dazu Andy Bells lasziver Gesang, der scheinbar über der Musik schwebt. Fantastisch. Das Stück entwickelt sich zu einer betörenden Synthie-Popnummer.
"Jealous": Orchestrales Intro, dann simple Dancefloor-Rhythmik, sprudelnde Synthie-Sounds, die den Song rausreißen. Und dann geht's los: überraschender Tempowechsel, sahniger Refrain.
"Shaking My Soul": Der wohl überraschendste Song des Albums - eine Motown-Nummer mit Tamboringeschüttel zu Beginn, dann plötzlich Trompeten. Und ein geniales Schlagzeug... Eine Gute-Laune-Nummer, hier und da hübsche Synthie-Sounds.
"Runaway": Engelshaftes Gesangsintro, das in technoiden Soundlandschaften versinkt. Harte Drum-Elektronik, Flasettrefrain - himmlischer Elektro-Pop.
"I'll Never Fall In Love Again": Schnödes Bassgetöse, steriler Vocoder-Gesang, simples Drumgewummer, aber eine absolute Ohrwurm-Melodie, die den Song dann doch noch recht appetitlich daherklingen lässt.
"Delicious": Das zweite Duett mit Claudia Brücken - Achtzigerjahre Soundästhetik, durch die Synthetikbässe schneiden, wühlende Wummersounds - schwer zugänglich.
"Fantasy": Simple, federleichte Gitarrenballade, der manche Boygroup-Charakter nachsagen. Ein Song für den Kaminabend - Musik, die bezaubert. Ein bisschen Klavier, ein wenig Schlagzeug, dazu Andy Bell in Bestform - ausdrucksstarker Gesang mit leicht heiseren Untertönen. Gänsehaut-Song! Und für kleine Jungs bei weitem nicht geeignet.
"See The Lights Go Out": Hüpfende Rhythmik, die sich dann aber in schnödem Bassgestampfe verliert, ansprechender Refrain – wohl der schwächste Song des Albums, den man - wie auch "I Thought It Was You" - prima wegskippen kann. Und tschüss...
"The Rest Of Our Lifes": Die zweite Ballade - superstarken Gesang, trauriger Text: "'Cause You'll Staying Here Beside Me Until The Day I Die". Spartanische Instrumentierung, Klavier, Gitarre und ein leiser Soundteppich aus dem Computer. Herrlich. Wenn es einen Song gibt, der an Erasure erinnert, dann vielleicht dieser...
Jens Höhner
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