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  Story ::: Sigur Rós
Review

& Amina, 25.06.2006, Essen - Lichtburg

Juni 2006

Verknallt

Die Lichtburg in Essen ist ein Gebäude mit Tradition. Stars wie Romy Schneider oder Gary Cooper flanierten hier über den roten Teppich. Aktuell geben sich Film-Promis wie Pierce Brosnan oder Tom Tykwer im komplett renovierten Fünfzigerjahre-Interieur die Klinke in die Hand. Die muschelartige Decke und die geschwungene Empore im Saal, die roten Polstersessel und das reichhaltige Naschangebot (von Popcorn über Studentenfutter zur Lakritzstange) sind jedoch prädestiniert, um auch mal Spektakel ganz anderer Art in Szene zu setzen: zum Beispiel Sigur Rós.

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Im Vorprogramm: Amina. Das sind vier ehemalige Studienkolleginnen des Reykjavík College of Music und Freundinnen von Sigur Rós. Irgendwie geht etwas greifbar Künstlerisches, Unnahbares von den Musikerinnen aus. Nicht irgendwie aufgesetzt, sondern ganz natürlich. Eine Art charmante, liebstrenge Steifheit, die wohl nur (Ex-) Elfinnen ausstrahlen können, die zusammen etwas ausgeheckt haben und die vor allem aus der Konzentration von Amina auf ihr Tun resultiert. Die besondere Ausstrahlung eben, die Künstler manchmal inne haben; und geschulte Künstlerinnen sind die Vier ohne Zweifel. Neben klassischen Instrumenten wie Violine und Cello sind Mac, Xylophon und die singende Säge (!) nur eine kleine Auswahl von Klang-Utensilien, die mit Perfektion beherrscht werden. Zu zweit schlagen sie auf kleine Miniglocken mit soviel smoothem Beat in den Fingerspitzen, wie ihn sich Pharell Williams im ganzen rechten Arm wünscht. Amina basteln Soundscapes, die ungewöhnliche Klangkörper gänzlich ausreizen und zu einem sphärischen Ganzen verquicken. Auch im weiteren Verlauf des Abends wird es immer wieder lustig sein, wenn es gekonnt zu klingeln und klimpern beginnt, sobald die vier Ladies ihre Finger mit im Spiel haben. Und am Ende ihres Sets setzen sie noch einen Disco-Song drauf. Soll heißen: die sind ja wohl die Coolsten. Typisch isländisch will man meinen. Aber "typisch" hin oder her, wer kann sich schon der Faszination einer jungen Isländerin an einer singenden Säge entziehen? Gedankenverloren schwelge ich in meinen eigenen kleinen Sphären. "Darf ich vorstellen, Mama, meine neue Freundin. Sie spielt die singende Säge in einer isländischen Pling-Plong-Elektronik-Combo" - ich glaube, ich habe mich verknallt.

Im Anschluss an Aminas Auftritt wird der Blick noch mehr verschleiert. Diesmal nicht durch Schwelgereien, sondern ganz plastisch, von außen. Vor die Bühne wird ein weißes, beinahe durchsichtiges Stofftuch gehängt. Von dem Geschehen auf der Bühne erkennt man nur noch schemenhaft etwas. Wummernde Sounds laufen vom Band. Auf der überdimensionalen Leinwand sind die Silhouetten der Musiker zu erkennen, die Schatten wirken riesig. Rotes Flimmerlicht wird auf das Tuch projiziert und aus den sonoren Hintergrundsounds schälen sich langsam die ersten voluminösen Bass-Töne. Ganz fragil und unantastbar wirken die klingenden Obertöne dagegen. Jón Thor Birgissons Falsett-Gesang erfüllt den Raum und es Bedarf nur wenige Takte bis die ganz eigene, organisch-artifizielle Stimmung von Sigur Rós seinen Sog entfaltet, dem sich niemand (im zwar nicht ausverkauften, aber gut gefüllten) Saal der Lichtburg entziehen kann.

Die Sound-Ebenen verdichten sich. Langsam, ganz langsam, steigern Sigur Rós die Intensität. Verzerrte, hallige Sounds durchmischen sich mit dem anfänglich mininalen, marschierenden Beat, bis Schlagzeuger Orri Páll Dýrason mit Nachdruck auf sein Set eindrischt und der Song mit einer gewaltigen Wucht an Sinneseindrücken über das Auditorium hereinbricht. Als der Vorhang endlich gelüftet wird, geht ein Raunen durch die Menge. Einfach, weil die Erwartungen so hoch geschraubt wurden, dass sich das Publikum beim reinen Anblick der Musiker schon verzückt zeigt. Und genau das fabrizieren Sigur Rós immer wieder. Sie lassen die Eindrücke anschwellen. Inszenierung wird hier groß geschrieben. Der Schwerpunkt der Songauswahl liegt auf dem im letzten Jahr erschienen Album "Takk...". Neben dem Opener "Glósóli" zeigen Songs wie "Hoppipolla", "Med Blódnasir" und "Saeglópur" deutlich das Wechselspiel zwischen nahezu uferlosen, weiten Klangflächen und zeitweise überschwenglichen, soundtrackartigen Melodieführungen. Immer wieder eruptiv durchbrochen von rudimentären Songstrukturen, die den ganzen aufgestauten, emotional aufgeladenen Passagen einen Kanal bieten. Es scheint, als fügen Sigur Rós mit ihrer Musik dem Raum eine weitere Dimension hinzu. Gerade durch die Glockenspiele klingen die Stücke manchmal wie überdimensionierte Gute-Nacht-Lieder, durch die eindrucksvollen Streicher wähnt man sich kurzzeitig auf einem Staatsbegräbnis. In jedem Fall ist das hier intensiv und etwas zum Staunen. Die kleinen Punkte der Discokugeln auf der Bühne werfen ihre Strahlen nicht nur auf die altehrwürdigen Wände des Filmpalasts, sondern verteilen sich wie kleine Lichtpunkte überall im Raum. Unglaublich, absolut vereinnahmend und rührend. Um den Abdrift bei den Anwesenden ein wenig voranzutreiben, lassen Sigur Rós bei "Sé Lest" eine Blaskapelle durch den Saal marschieren. Vom Hintereingang über die Bühne und weg sind sie wieder. Und das ist nicht nur wieder mal eine musikalische Steigerung, die das Herz hüpfen lässt, sondern auch einfach absolut süß, reizend und liebenswert wie die Vier da diagonal durchlatschen. Als kämen sie geradewegs aus Alices' Wunderland, fehlen nur noch Herzkönigin und Hase. Also okay, Thomas, du die süße Säge und ich die traumhafte Tuba! "Hallo Mama, wundere dich nicht, wenn dir jetzt in meiner Gegenwart ab und zu mal ein Blasquartett begegnet. Die habe ich engagiert zum Glücklichsein."

So funktioniert das, wenn man sich zum Ziel gemacht hat, für kurze Zeit einen ganzen Raum kunstvoll umzugestalten. Sigur Rós greifen in jeder Hinsicht, musikalisch, visuell, dramaturgisch, in die Vollen.

Das Tuch wird wieder vor die Bühne gezogen und ein Gewitter aus Strobo-Blitzen, Video-Projektionen und dem zehnminütigen, sich scheinbar ins Unermessliche steigernde "Popplagia" steht am Ende eines unvergesslichen Abends. Vollkommen reizüberflutet wanken wir vor die Tür. Verknallt in eine ganze Band.

Thomas Markus &

Vanessa Romotzky


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