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  Interview ::: Moby
Review

Die einzige Musik, die ich nicht mag, ist Mariah Carey und Radiopop.

Juni 1996

Das Kölner Underground an einem Sonntagabend im Juni. Auf der Bühne steht eine vierköpfige Hardcore-Band, deren Sänger und Frontmann (den die Allgemeinheit bisher als Urheber von Techno-Klassikern "Go!" und Rave-Hymnen "Feeling So Real" kannte) sich vor einer etwas verdutzten bunten Menge an Gitarre und Mikro austobt: Richard Melville Hall, besser bekannt als Moby. Die Authentizität seiner Musik, die sich selbst in poppigen Zeiten oder bei Ausflügen in den Ambient abhob, bleibt ihm auch hier erhalten, zwei begeistert vom Publikum eingeforderte Zugaben sind der Beweis. Am nächsten Tag trifft ihn das Team von discover im Hotel, um mehr über den Sinneswandel des umtriebigen Musikers zu erfahren.

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?: Auf deinem gestrigen Konzert waren einige erstaunte Ravergesichter zu sehen. Was ist der Grund dafür, dass du jetzt Gitarrenmusik machst?
!: Es macht mir einfach Spaß. In den letzten Jahren habe ich das Interesse an der elektronischen Musik ein wenig verloren und meine Liebe zur Musik mit Gitarren wiederentdeckt. Wenn wir ein bisschen weiter zurückgehen wollen: In den frühen Achtzigern habe ich in verschiedenen Hardcore-Bands gespielt. Außerdem habe ich mich damals nicht um die Unterschiede geschert. Ich mochte Kraftwerk und DAF genauso wie Killing Joke, Theatre Of Hate, Discharge, Black Flag und Adam & The Ants. Später in den Achtzigern verlor ích dann mehr und mehr den Spaß an gitarrenorientierter Musik, weil auf der einen Seite Bands wie Def Leppard und Bon Jovi aufkamen, die wirklich bedrückend waren. Auf der anderen Seite hattest du dann Leute wie R.E.M., die zwar nett, aber mehr oder weniger belanglos erschienen. Dann gab es auch noch HipHop, Electro und frühe House Music, die mich wirklich begeisterte. Ich begann auch, mich für die aufkommende Rave-Szene zu interessieren, die mich noch mehr begeisterte. Das war 1990 bzw. 1991. In den letzten Jahre ist mein Interesse für die Danceszene wieder ein bisschen geschrumpft. Ich mag es zwar noch, aber es ist alles ein wenig langweilig geworden. Die Gitarrenmusik ist wieder interessanter geworden. Im Metalbereich Bands wie Biohazard und Pantera, im Crossover Bands wie Soundgarden, Filter, Hole, so etwas ist im Moment aufregender als Dancemusic. Nach acht Jahren Knöpfedrücken wieder eine Gitarre zu spielen, auf der Bühne zu stehen und mit Leuten zusammen Musik zu machen, macht auch einfach Spaß, mehr als einfach nur in einer Batterie von Geräten zu stehen und Schalter zu betätigen.
?: Dein neues Album erinnert vom Stil her ein wenig Ministry und die Nine Inch Nails. Magst du diese Bands?
!: Ich denke, sie sind o.k. und es ist interessant, wie sie mit Elektronik umgehen. Für mich zählt einfach nur, was aus den Lautsprechern kommt, egal, ob es von jemand gemacht worden ist, der mit einer Coladose auf den Tisch haut oder ob es eine gut produzierte Platte ist. Eine Band wie z.B. Filter benutzt viel Elektronik, aber als ich die Platte die ersten Male hörte, hatte ich davon keine Ahnung, ich mochte einfach die Songs.
?: Ich mochte die Liveversionen deiner Poplieder "Every Time You Touch Me" oder "Feeling So Real". Sie hatten eine unglaubliche positive Aggressivität.
!: Ja, das hat gestern Spaß gemacht. Positive Aggression ist ein sehr guter Ausdruck dafür. Manche Leute beschweren sich über diese Art von Musik. Sie sei so lärmig und laut. Man muss aber sehen, wo die wirkliche Aggression ist. Jemand hat mir einmal gesagt, dass er es nicht versteht, wie man zu einem Konzert gehen und sich von der Bühne stürzen kann. Aber was ist schlimmer? Ist es schlimmer, auf ein Konzert zu gehen und Stagediving zu machen, oder zu dem Konzert mit dem Auto zu fahren, morgens aufzuwachen und zu einem Job zu gehen, den man hasst? Das ist das Hauptproblem, nicht, dass man sich mal eine blutige Nase holt. Ich selbst habe mich gestern auch verletzt.
?: ...und bist mit Bier beschüttet worden. Was hältst du von so etwas?
!: Das ist Spaß und Rock'n'Roll. Solange ich nicht bespuckt werde, ist es doch Spaß und alle Leute sind glücklich.
?: Du spielst nur zweimal in Deutschland. Ist es eine Art Test für dich?
!: Wir spielen im Moment ein paar Festivals, die an den Wochenenden stattfinden. Deswegen haben wir die Zeit, in der Woche ein paar Gigs in kleineren Clubs zu geben. Das ist immer noch besser, als nur im Hotelzimmer abzuhängen. Gerade in Deutschland, wo ich durch meine Technosachen einigermaßen bekannt bin, ist es wichtig, die neue Platte nicht einfach nur herauszubringen, sondern sie durch Interviews und Konzerte vorzustellen. Das wäre ein zu großer Schock für das Publikum, wenn ich es anders machen würde.
?: Möchtest du dich in der Zukunft nur auf deine beiden Projekte Voodoo Child und Moby beschränken?
!: Ich denke nicht. Ich habe noch viele andere Dinge im Kopf. Wenn es eine neue Moby-Platte geben sollte, dann kann es ein Klassikalbum, ein Akustikalbum oder eine Discoplatte sein. Ich kann nur das machen, was mich interessiert. Es ist nicht mein Ding, nur einen Stil zu verfolgen, mir darauf eine Fangemeinde aufzubauen und reich zu werden. Das wäre natürlich viel einfacher. Gerade vorhin war ich im Supermarkt und habe mir auf dem Rückweg die Frage gestellt, warum ich es mir so schwer mache. Warum gebe ich meinen Rang in der Techno-Szene auf? Klingt nicht gerade schlau.
?: Du kannst aber doch jederzeit zur Technomusik zurückkehren. Du produzierst ja auch jetzt noch Sachen in diesem Bereich.
!: Ja, unter verschiedenen Namen. Ich habe ja noch mein eigenes Label Trophy Records, auf dem ich Maxis herausbringe. Ich würde lieber keinen Erfolg mit etwas haben, das ich mag, als mit einer Sache erfolgreich zu sein, hinter der ich nicht stehen kann. "Everytime You Touch Me" ist ein Song, den ich nie richtig mochte, und von dem ich froh bin, dass er nicht mehr so oft im Radio gespielt wird.
?: Ist es für dich vorstellbar, dass auf der nächsten Mayday Iggy Pop, Sex Pistols und Metallica spielen?
!: Ich glaube, die Leute wären zu festgefahren für so etwas. Ich fände es wunderbar. Die ganzen Festivals, auf denen wir spielen sind so, "eklektisch". Auf dem Line-Up stehen Namen wie Ministry, Iggy Pop, The Cure, Björk, Frank Black, Bad Religion und ich selber. In Norwegen sind es zum Beispiel Sepultura, Björk und ich. Ich liebe das, es ist wie Radio, wo Metallica auf Mariah Carey folgt.
?: Ein Konzept wie etwa Lollapalooza.
!: Ja, das ist so viel vielfältiger als ein reines Heavy Metal- oder Dancefestival.
?: In Deutschland beschränken sich die Hörgewohnheiten meist auf einen Stil.
!: Das ist schade, trifft aber überall zu. Ich finde es besser, wenn jemand mehrere verschiedene Stile hört. Die fünfzehnjährigen Kids gucken sich auf MTV Madonna und Metallica an und erkennen keinen Unterschied und finden beides gut. Das ist besser, als jemand, der nur Detroit-Techno hört. Es gibt genug Schwierigkeiten auf dieser Welt, als dass man sich noch mit Regeln in den Musikstilen herumärgern muss. Es ist schließlich nur Musik, die der Kommunikation dient.
?: In dem Film "Heat" mit Robert De Niro und Al Pacino sind zwei Songs von dir. War das eine Idee der Plattenfirma, oder hat dich der Regisseur gefragt?
!: Der Regisseur Michael Mann ist wohl ein Fan und rief die Plattenfirma an, um diese beiden Songs für den Film zu verwenden. Das ist alles.
?: Kennst du die Reaktionen von De Niro und Pacino auf deine Tracks?
!: Ich glaube nicht, dass sie sich um die Musik gekümmert haben. Eine merkwürdige Sache beim Musikmachen ist es, dass man seltsame Fans hat. Bob Rock, der Metallica-Produzent, ist zum Beispiel ein Moby-Fan. Leute, von denen ich niemals gedacht hätte, dass sie mich überhaupt kennen. Seltsame Geschichten.
?: Hättest du Interesse, mit Leuten wie Bob Rock zu arbeiten?
!: Manchmal hätte ich schon Lust dazu, aber ich bin es gewohnt alleine zu arbeiten, so dass ich wahrscheinlich nicht sehr gut mit anderen arbeiten könnte.
?:Die Musik auf deinem neuen Voodoo Child-Album ist sehr ruhig ausgefallen.
!: Es ist ungefähr so wie Kraftwerk ohne Gesang. Sehr simpel, sehr melodisch und emotional. Ich dachte, je einfacher die Produktion sei, desto ehrlicher käme die Emotion rüber.
?: Es erinnert mich teilweise an Tangerine Dream.
!: Ich kenne Tangerine Dream nicht. Es gibt jede Menge Siebziger-Jahre-Elektronik die ich kenne, aber Tangerine Dream gehört nicht dazu. Ich mag mehr Brian Eno, DAF und Kraftwerk.
?: Folgst du deinen eigenen Ratschlägen, die du in den Booklets abdruckst? Keine Flugzeuge, keine Autos?
!: Keine Flugzeuge? Ich wäre nicht hier. Ich sage nicht: Tue dies nicht, tue das nicht. Das sind mehr Ratschläge. Ich besitze kein Auto, wenn ich irgendwo hin muss, nehme ich ein Taxi, ich würde lieber das Fahrrad nehmen oder gehen. Aber das ist unrealistisch. Ich esse keine Tiere und versuche zu recyclen, aber gleichzeitige mache ich CDs. Tausende von CDs. Hundertausende kleiner Plastikdinger, auf denen mein Bild ist. Es ist ein Problem, zu reisen, mit vielen Leuten zu kommunizieren, Platten zu machen und zugleich umweltbewusst zu sein.
?: Jeder muss Kompromisse eingehen.
!: Du hast zwei Möglichkeiten: Entweder du bringst dich um, oder du lebst unter einem Baum im Wald.
?: Ist deine Musik ein Ventil für deine Aggression, die du angesichts dieser Welt empfindest?
!: Es ist Frustration über diese Welt, Frustration über mich. Generell Frustration. Ich fühle mich besser, wenn ich alles auf diese Weise herauslasse. Ich fühle mich von aggressiver Musik im Moment mehr angezogen als von schöner Musik. Entweder schöne Musik oder aggressive Musik. Hauptsache extrem im Gefühl.
?: Auf dem Moby-Album sind krasse Gegensätze zwischen melodiösen Teilen und den harten Songs.
!: Die langsamen und schönen Stücke habe ich herunter genommen. Es wird im Winter ein neues Moby-Album geben, das instrumental und viel langsamer sein wird. Das wird bestimmt wieder für Verwirrung sorgen. Ein Punkrockalbum und eine Klassikplatte.
?: In Richtung This Mortal Coil?
!: Noch ruhiger, kein Gesang.
?: Du hast gestern Coverversionen von Led Zeppelin, Jimi Hendrix und Joy Division gespielt. Waren diese Leute Vorbilder?
!: Joy Division waren meine Idole, als ich die High School besuchte. Led Zeppelin haben wir deshalb gecovert, weil ich bei der Lollapalooza-Tour den Song "Rock'n'Roll" im Radio hörte und dachte, das ist sehr einfach nachzuspielen. Bei einer Zugabe fragte ich dann die anderen Bandmitglieder, ob sie diesen Song kennen. Daraufhin spielten wir ihn, ohne ihn jemals geübt zu haben. Perry Farrell kam auf die Bühne und es war alles sehr lustig. Das ist eine Sache, die ich am Liveauftritten mag, dass man Fehler machen kann. Gestern abend haben wir auch Sachen zum ersten Mal gespielt, und irgendwie funktioniert es immer.
?: Glaubst du, dass die Rockszene dein Album annehmen wird?
!: Ich weiß es nicht. Ich glaube, sie wird es eher akzeptieren als "Everytime You Touch Me". Die Platte kann auch ein großer Reinfall werden. Wer weiß das schon. Wäre es eine Technoplatte, könnte man es wohl eher voraussagen.
?: In letzter Zeit gibt es mehrere Technobands, die Gitarren in ihre Musik einbauen. Glaubst du, dass darin eine neue Ausdrucksform zu finden ist?
!: Nicht unbedingt, denn was Bands wie zum Beispiel The Prodigy machen, ist es, Gitarrensamples zu verwenden, um die Musik härter zu machen. Es ist aber immer noch Dancemusic und kein Rock. Die Mischung von Techno und Rock ist für mich kein Schritt in die Zukunft, sondern eher das, was Billy Idol vor zwölf Jahren gemacht hat. A Flock Of Seagulls haben in den Achtzigern technische Elemente mit Gitarren gemischt.
?: Welche aktuelle Musik begeistert dich?
!: Alles. Die einzige Musik, die ich nicht mag, ist Mariah Carey und Radiopop. Ich liebe HipHop, Jungle, House, Techno, alles. Ich mag Filter, Smashing Pumpkins. Ich finde Abba immer noch sehr gut.
?: Was denkst du über MTV?
!: Europäisches MTV ist großartig. Ich habe den Musikgeschmack eines vierzehnjährigen Mädchens. Ich mag es, Soundgarden zu sehen, weil sie erstens gute Musik machen und zweitens cool aussehen. Amerikanisches MTV ist furchtbar, sie bringen 80% Shows wie MTV Sports oder House Of Style. Ich liebe aber Musikvideos.
?: Du hast ein Kreuz in den Nacken tätowiert. Warum?
!: Ich wollte immer eine Tätowierung haben. Eigentlich wollte ich mir ein Kreuz auf die Hand tätowieren lassen, aber dann habe ich gehört, dass es Gangs in Los Angeles gibt, die das haben. Auf der einen Seite mag ich das Kreuz im Nacken wegen seines ästhetischen Wertes und auf der anderen Seite liebe ich Jesus Christus. Ich kann das Kreuz selbst nicht oft sehen, aber es ist immer da und erinnert mich an die Tatsache, dass ich, obwohl ich kein wirklicher Christ bin, Christus als wichtig empfinde. Es gibt einen großen Gegensatz zwischen Jesus Christus und der christlichen Kirche. Die Kirche regt mich auf, Jesus Christus bewundere ich.
?: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führten Maik Euscher, Helmar und Daniel Giebel.

Daniel Giebel


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