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  Interview ::: Erasure
Review

Die Heilkraft der elektronischen Popmusik

April 2007

Erasure kehrt endlich zurück zum vollsynthetischen Dancebeat

Jüngst hat Vince Clarke zu Protokoll gegeben, dass er wohl an einer "Mid-Tempo"-Krise leide. Es käme ihm so vor, als seien die letzten Alben seiner Band Erasure irgendwie immer langsamer geworden. Unrecht hat er da nicht. Dennoch brachte das eher gemächliche Album "Nightbird" (2005) viele Fans zurück, die sich von den britischen Pop-Pionieren schon verabschiedet hatten. Dann aber erschien das "Union Street"-Album (2006), auf dem Soundingenieur Clarke (47) und sein Sangespartner, Andy Bell (43), ausgerechnet alte Erasure-Nummern völlig neu und mit kompletter Band akustisch arrangierten. Jedermanns Sache war das nicht. Grund genug also, endlich mal wieder echte, vollelektronische Kracher auf die Gehörgänge der Synthie-Musik-Enthusiasten abzufeuern. Und das tun Erasure mit ihrem 13. Studio-Langspieler "Light At The End Of The World", der am 21. Mai bei Mute Records erscheint. Mit "I Could Fall In Love With You" hat das Duo, das einst Hits geschrieben hat wie "Oh L'Amour", "A Little Respect", "Love To Hate You" oder zuletzt "Breathe", Anfang April bereits eine wahre Dancefloor-Hymne veröffentlicht. Später im Jahr wollen Vince Clarke und Andy Bell dann auch eine weitere Welt-Tournee wagen - nachdem sie an der Seite so illustrer Künstler wie Cyndi Lauper oder Debbie Harry die "True Colors"-Tour zugunsten der Human Rights Campaign bewältigt haben. Diese beginnt am 8. Juni in Las Vegas und führt durch den Norden Amerikas bis nach Los Angeles (30. Juni). Viele Neuigkeiten also, über die wir mit Sänger Andy Bell ausführlich gesprochen haben.

Erasure - Die Heilkraft der elektronischen Popmusik Weitere Inhalte zu Erasure

Light At The End Of The World (CD)
Union Street (CD)
Nightbird (CD)
Other People's Songs (CD)
Loveboat (CD)
On The Road To Nashville (DVD)
Interview ::: März 2005
Letzte News ::: 10.06.2003
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?: Du musst sein glücklich sein - jetzt, nachdem die ganze Arbeit getan ist.
!: Das bin ich auch - aber so viel Arbeit war es ja gar nicht.
?: Ich habe da etwas von drei Monaten gelesen...
!: Ja, so war's ungefähr.
?: Also, kein Stress, kein Druck...
!: Nein, überhaupt nicht...
?: Ein Joyride?
!: Yeah.
?: Wenn du jetzt "Nightbird" und "Light At The End Of The World" miteinander vergleichst, worin unterscheiden sich die Alben?
!: Nun, ich denke, dass "Nightbird" vielleicht eher eine Introspektive war. Ich mag "Nightbird" sehr, es ist eines meiner Lieblingsalben. Das neue ist wohl eher eine dieser Wegwerf-Nummern oder... Es ist weniger ernsthaft, denke ich. Wir wollten einfach nur gute Songs schreiben, so richtig poppig, ohne dass sie angestrengt klingen.
?: Aber das wäre dann ein Widerspruch zu den Texten. Die scheinen doch diesmal richtig persönlich zu sein, wenn ich an "Storm In A Tea Cup" oder "Glass Angel" denke.
!: Das kann ich nicht sagen, zumindest nicht im Vergleich mit "Nightbird". Denn ehrlich gesagt, kann ich mich an das "Nightbird"-Album kaum noch erinnern. Ich weiß nicht mehr, worum es in den Songs geht, wovon das Album handelt. Aber, was das neue angeht - das ist wirklich sehr persönlich.
?: War es von Anfang an dein Ziel, intime Texte zu schreiben wie etwa bei "Storm In A Teacup"? Oder hat sich das erst entwickelt?
!: Naja, wenn du anfängst, einen Text zu schreiben, dann hast du erst mal Versatzstücke - Wortmuster, die da waren, als die Original-Melodie geschrieben wurde. Nach einer Weile denkst du dann, dass der Song etwas bedeuten sollte. Dann musst du eben etwas von dir selbst hineingeben. Aber wir haben noch immer nicht den absoluten Herzensbrecher-Und-Ab-Auf-Den-Boden-Song geschrieben zum In-Die-Knie-Gehen, einen Song wie etwa "The Winner Takes It All".
?: Und das ist jetzt dein Ziel für die Zukunft?
!: Ja, auf jeden Fall. So ein Stück schreiben wir auch noch - nur, um mal so richtig, richtig ehrlich zu sein.
?: Vince hat neulich gesagt, er habe an einer "Mid-Tempo-Krise" gelitten - hast du mit ihm gelitten?
!: Nein, ich denke nicht! Nein, das ist doch alles nur, weil er einfach nicht zuhören will. Er ist so verdammt dogmatisch. Ich bewundere wirklich seine Arbeit, die Art wie er Sounds kreiert, wie er die Synthesizer bedient. Aber er will immer alles perfekt machen, alles durchdenken. Und ich denke manchmal, dass es einfach ein großer Spaß wäre, mal gemeinsam mit leeren Händen ins Studio zu gehen und etwas aus dem Nichts zu zaubern. Und sich eben keine Sorgen darum zu machen, ob daraus mal ein Song wird - einfach nur mal gemeinsam auf eine musikalische Entdeckungsreise gehen und nicht so strukturiert arbeiten, wie wir es bislang machen.
?: Aber dennoch hast du die Arbeit wieder mal genossen?
!: Ja, das habe ich, wirklich. Aber ich muss zugeben, dass ich diesmal nicht den gesamten Prozess des Abmischens miterlebt habe. Ich war zwar mit Gareth Jones zu dieser Zeit in London, aber eben nicht beim Mischen dabei - anders als bei "Nightbird". Da habe ich alles verfolgt. Und das hat mir Spaß gemacht. Als ich diesmal die ersten Mixe von Gareth bekommen habe, war ich manches Mal echt geschockt, weil dieses oder jenes viel zu laut klang. Ich hatte Angst, dass er das absichtlich gemacht hatte, dass er wirklich wollte, dass unser Album so klingt. Oft klang mein Gesang viel zu leise. Aber Gareth macht Dinge, auf die ich niemals im Leben kommen würde. Er hat so viel Fantasie und Vorstellungskraft, wenn es darum geht, Musik abzumischen. Das kommt daher, weil er so viele verschiedene Sachen mischt, so viele verschiedene Bands produziert. Mein Herz dagegen gehört allein der elektronischen Musik, dem Dancefloor.
?: Dennoch finde ich, dass wieder sehr viel Betonung auf deinem Gesang liegt, dass er sehr aus der Musik heraus sticht...
!: Findest du?
?: Ja, er klingt so ausdrucksstark, so klar...
!: Ah, ich verstehe. Aber das ist etwas, dass du nicht erahnen kannst, wenn eine Platte produziert wird. Oft denkst du, dass etwas perfekt abgemischt ist, dafür sind dir andere Dinge zu schwach, zu leise. Bei diesem Album denke ich manchmal, dass die Drums zu laut sind. Oder dass es davon zu viel gibt. Auf der anderen Seite darfst du dich selbst niemals zu nah an die Musik heranlassen - für den Fall, dass alles schief geht. Wenn das Album dann so erscheint, werden es die Leute nicht mögen. Sie möchten in gewisser Weise eben auch dich bekommen.
?: Also, in dieser Hinsicht finde ich, dass "Light At The End Of The World" viel besser ist als "Nightbird"!
!: Oh, das ist fantastisch, richtig prima... Dann frage ich einfach keine anderen Leute mehr nach ihrer Meinung.
?: Als ihr dieses Album geschrieben habt, hast du da von deinen Erfahrungen mit deinem Solo-Album "Electric Blue" profitiert?
!: Ja, auf jeden Fall, sehr sogar... Unser Album ist halt nicht so direkt wie "Electric Blue", weil dabei insgesamt alles viel schneller geschah und auch geschehen konnte. Das lag übrigens auch daran, dass die Leute, mit denen ich das Solo-Album damals aufgenommen habe, bei mir um die Ecke wohnen, mitten in London. Ich konnte sie also mitten in der Nacht besuchen, um etwas einzusingen und dann auch sehr schnell mit Texten anzukommen. Ich liebe "Electric Blue", aber ich denke, dass die Stücke an sich nicht sehr stark sind, bei weitem nicht so stark wie diese neuen Erasure-Stücke.
?: "Electric Blue" ist sehr naiv, sehr simple...
!: Ganz genau. Die Stücke darauf sollten vor allem tanzbar sein. Diesmal ist mir das Schreiben der Texte bisweilen sehr schwer gefallen - oft denkst du, dass dir die Themen ausgehen, über die du noch schreiben könntest. Aber es war eine Inspiration, diesmal an so einer seltsamen Location zu arbeiten - mit einem sehr disziplinierten Vince täglich an meiner Seite. Das Haus, das wir in den USA gemietet haben, stand ja direkt am Wasser, der Wind wehte ständig, die Blätter flogen - das war wirklich romantisch, ein wunderbarer Herbst. Ich denke, das hat sehr viel Stimmung hinzugefügt.
?: Wenn ihr anfangt zu schreiben, denkt Ihr dann schon an die Konzerte, habt Ihr bereits "Live-Versionen" der Stücke im Kopf?
!: Nein, das geschieht erst, wenn ein Stück fertig ist. Dann machst du dir plötzlich Gedanken über die Live-Version. Für mich steht schon jetzt fest, dass ich die kommenden Konzerte mit "Sunday Girl" eröffnen will. Das Stück hat so ein fantastisches Intro - eines der besten, die Vince jemals abgeliefert hat.
?: Die Musik an sich ist zum Teil sehr ungewöhnlich für Erasure. Wer von euch war denn verantwortlich für diesen Richtungswechsel?
!: Das war allein Vince, wie ich ehrlich zugeben muss. Er allein. Und dann natürlich Gareth.
?: Hat euch Gareth in eine bestimmte Richtung geschubst?
!: Ich denke, was passiert ist, ist, dass Vince mit den geschriebenen Sachen ankam, und Gareth dann einfach anfing, die Sounds zu manipulieren - er hat sie runtergefahren oder größer gemacht, als sie eigentlich waren. Und er hat Beats gestrichen, wo keine sein mussten. Und ich wertloser Tropf habe bloß hier und da meine Meinung gesagt, Ideen eingeworfen. Doch das waren nicht sehr viele.
?: Und welche Aufgabe hatte dann noch Daniel Miller von Mute?
!: Daniel war richtig gut bei der Sache. Als wir die ersten Sachen in Portland aufgenommen haben, kam er vorbei, gleich nach der ersten Woche, warf alle Songs zusammen und hörte sie durch. Dann sagte er, dass dieses zu lang sei, wir jenes wegnehmen sollten und so weiter. Und dass hier dieses noch hingehöre und dort noch jenes. Er hat großartige Arbeit geleistet. Er ist klasse darin, Sachen zuzuspitzen und Songs zu komplettieren.
?: Ich denke jedoch, dass es eine Schande ist, dass nicht die Album-Version von "I Could Fall In Love With You" als Single verwendet worden ist. Was war der Grund dafür?
!: Keine Ahnung... Ehrlich nicht. Ich habe das Gefühl, dass jeder immer seine eigene Original-Version haben muss - ich meine, eine Version fürs Radio, eine für iTunes, eine für Musicload und so weiter. Niemand ist zufrieden mit dem, das ein anderer schon hat.
?: Was ich an der Album-Version so mag ist, dass sie viel kantiger, stärker, kräftiger und auch mehr Erasure ist...
!: Ja, es ist eben mehr der reine Elektro-Stil, richtig.
?: Bist du mit diesem Vorgehen einverstanden? Oder ärgert es dich?
!: Nein, eigentlich bin ich schon einverstanden. Ich kenne übrigens noch nicht alle Radio-Versionen. So richtig kenne ich ohnehin bloß den Albumtrack, obwohl ich alle anderen Versionen eigentlich autorisieren müsste. Aber das habe ich nicht gemacht - vor allem, weil es zunächst hieß, Daniel würde selbst die Radio-Version mixen. Aber das geriet zum Rohrkrepierer. Und dann kam dieser andere Typ vorbei, wie heißt der noch? Jeremy Wheatley, richtig? Zum Schluss habe ich seine Versionen nicht mal richtig gehört.
?: Habt ihr Einfluss auf die Wahl des Remixers?
!: Nein, haben wir nicht - zumindest so lange nicht, wenn es nicht gerade um einen Freund von uns geht. Aber zurzeit weiß ich auch nicht wirklich, was in den Clubs und Diskotheken so abgeht. Außerdem ist es auch immer eine Frage des Geldes, wenn ein Remixer plötzlich einen großen Namen hat.
?: Welchen Remixer hättest du denn am liebsten?
!: Ich würde es lieben, wenn Miss Kittin' mal etwas für uns machen würde.
?: Lass' uns über Cyndi Lauper sprechen, über eine andere starke Frau im Showgeschäft. Wie seid Ihr zusammengekommen?
!: Ich denke, sie ist ein Erasure-Fan. Sie tauchte plötzlich auf, als wir in Los Angeles waren. Sie war hochschwanger und stand plötzlich neben mir, als ich am Pool lag. Sie sagte, dass sie uns lieben würde. Mir war das schon peinlich. Das war erst mal der Smalltalk. Dann aber bin ich losgezogen, um ihren Auftritt in New York zu sehen, in der "Drei-Groschen-Oper". Sie war wirklich fantastisch. Ich konnte sie an diesem Abend leider nicht treffen. Doch sie hat unseren Agenten im Amerika, Johnny Pedall, kontaktiert. Aus diesem Kontakt ist wohl die "True Colors"-Idee entstanden. Sie mag uns, er repräsentiert uns. Da haben sie uns einfach zusammengetan. Und sie bringt Debbie Harry, Blondie, mit! Ich bin sehr glücklich und freue mich riesig auf diese Tour, darauf, mit diesen Diven auf der Bühne stehen zu dürfen. Denn von ihnen gibt es noch so viel zu lernen.
?: Ihr habt ja nun auch einen Song mit Cyndi Lauper aufgenommen. Was ist "Early Bird" für ein Stück?
!: Es ist eine Art Gospelsong, ziemlich rau. Viele werden ihn nicht mögen, weil er nicht typisch für uns ist. Aber er ist immer noch Erasure. Und Cyndis Vocals sind fantastisch. Noch sind übrigens alle Vocals zu laut, das Stück ist noch nicht abgemischt. Hoffentlich wird es als Gratis-Download veröffentlicht für die "Human Rights Campaign" oder so.
?: Habt ihr den Song gemeinsam im Studio aufgenommen?
!: Nein, wir waren nicht zusammen. Das wäre echt toll gewesen. So treffen wir uns dann erst auf der Tour wieder.
?: Kommt Ihr mit der "True Colors"-Show auch nach Europa?
!: Nein, die Tour kann leider nur in Nordamerika stattfinden, dann geht jeder wieder seiner eigenen Wege. Und wir machen eine Erasure-Tour.
?: Immerhin gab es ein Gerücht, nach dem eine Show in der Londoner Royal-Albert-Hall stattfinden sollte.
!: Ja, richtig, das war lange im Gespräch. Aber es sieht nicht so aus, als würde die stattfinden. Gebucht ist jedenfalls nichts. Aber vielleicht ist es ja doch noch in der Pipeline.
?: Wann und wo startet denn eure eigene Tour in Europa?
!: Nun, bislang haben wir nur ein paar Eckdaten - ich denke, im September geht's los. Das alles richtet sich nach einem Festival in Irland, auf dem wir spielen. Headliner ist Jarvis Cocker. Und wir treten im Disko-Zelt auf. Wir machen auch einige In-Store-Auftritte, doch die eigentliche Tour wird kaum vor September beginnen.
?: Das ist erst euer zweites Festival nach Roskilde 1997, oder?
!: Ja, das müsste so sein. Wir werden jetzt eine Festival-Band!
?: Magst du es, open-air zu spielen?
!: Ja, sehr sogar, das klingt immer toll. Das Problem ist bloß, dass die Leute, die auf solche Festivals gehen, meist keine Erasure-Fans sind. Deshalb werden wir so selten gefragt, ob wir da mal spielen wollen.
?: Hast du dir schon Gedanken über das Design eurer Show gemacht?
!: Ja, habe ich. Es gibt ein paar grobe Ideen. Aber die werde ich jetzt nicht verraten!
?: Letzte Frage - die hat aber nichts mit Erasure zu tun. Gibt es Neuigkeiten zu Pauls Buch ("Happiness Is The Best Facelift" von Paul Hickey, Andy Bells Lebensgefährte, Anm. d. A.)?
!: Ja, tatsächlich. Da gibt es Nachrichten. Sein Agent in London vernachlässigt ihn total. Aber ein deutscher Verlag hat sich des Buches angenommen. So wird es wohl zuerst in Deutsch erscheinen, bevor es in England herauskommt. Das sind die News, so weit ich sie kenne.

Jens Höhner


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