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Interview ::: Element Of Crime |
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Wieder im Rock'n'Roll-Modus
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Oktober 2005
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Mit "Romantik" bezeichneten die vier Berliner 2001 ihren Gemütszustand. Seither sind vier Jahre vergangen; vier Jahre ohne neue Geschichten von ihm oder ihr, von dir und mir; vier Jahre ohne die rührenden Kleinode, gekonnt brummelnd vom mittlerweile auch als Buchautor bekannt gewordenen Sänger Sven Regner seinen beziehungsgeplagten VerehrerInnen ins Ohr gesäuselt. Auf "Mittelpunkt Der Welt" gibt es nun wieder den gewohnt schrulligen Folk Rock und eben diese Geschichten, die die Sehnsüchte und Ängste der Hörer teilen und diese mit ihrem kleinen Chaos nicht alleine lassen.
?: Was ist das für Gefühl, nach längerer Zeit wieder etwas mit der Band zusammen zu machen? Richard Pappik: Ein gutes Gefühl. Irgendwann scharrt man mit den Füßen und einer greift dann auch zum Telefon. Wir haben uns alle sehr gefreut, als es wieder losging. Das hat man auch an der Arbeit im Studio gemerkt. Sven Regner: Das ging wirklich seltsam leicht von der Hand. Letztendlich muss man so eine Band wieder anknipsen. Die ist ja eine Zeit lang wie tiefgefroren. Ich war erstaunt, wie leicht die Platte und das Schreiben neuer Songs von der Hand ging. Wenn man um die 120 Songs geschrieben hat, ist es ja nicht unbedingt logisch, dass man mal eben zehn oben drauf werfen kann. ?: Wie funktioniert denn das Songschreiben bei euch? Pappik: Musikalische Ideen werden gesammelt, da gibt es eigentlich nie Engpässe. Und dann muss der Sven sich da was raussuchen, was er betexten kann, was ihn irgendwie inspiriert. Regner: Also eigentlich sind die Lieder schon völlig fertig, bloß ohne Text. Dann ist noch nicht klar, wie viel Strophen ein Lied hat, aber es ist fertig, auch mit B-Teilen und Bridges. Und ich singe da so "lala" dazu (singt). Und irgendwann muss ich die richtigen Wörter finden, muss rausfinden, was das für eine Geschichte sein könnte. ?: Wie viel Anteil am Textbild haben die Klänge der Wörter bei dir? Regner: Tatsächlich drängen sich die Wörter über ihren Klang auf. Der Klang wird oft unterschätzt in Deutschland. Es wird immer auf die Wörter als Träger von Bedeutung gegangen, aber nicht als Träger von Klang und Musik. Das ist in der englischsprachigen Rockmusik anders. Die meisten Leute wissen gar nicht, worum es geht in einem Lied. Die nehmen nur den Klang wahr. Und das geht im Deutschen auch. Ich hatte auch ein Sound-Vorurteil gegen die deutsche Sprache. Das hat sich erst geändert, als wir mit "Der Mann Vom Gericht" vom 89er-Album "Ballad From Jimmy And Johnny" feststellten, dass unsere Art von Liedern mit dem Klang, mit diesem seltsamen Sound der deutschen Sprache, zusammenpasst. ?: Ihr habt früher zum Teil markantere Einzelelemente in den Stücken gehabt. Regner: Die rifforientierte Rockmusik war unsere Sache eigentlich nie. Ein Riff ist ja etwas kurzes, nur ein oder zwei Takte. Bei uns ging es immer um einen größeren Bogen in den Liedern - um Melodien, die über Takte oder Strophen gehen. Es ist eigentlich eher Folk-Rock-mäßig. Deswegen sind wir am Anfang mit Velvet Underground verglichen worden oder mit Bob Dylan. ?: Gibt es für euch auch eine musikalische Entwicklung, die mit eurem Alter zu tun hat? Pappik: Der gesamte Lebensrhythmus verändert sich ja, wenn man älter wird. Und das schlägt sich natürlich auch auf das nieder, was man tut. Und so wird das sicherlich auch in der Musik sein. Für mich jetzt nicht so demonstrativ sichtbar, aber für den Betrachter von außen kann das schon gut sein. Tatsache ist, was man spüren konnte, als die Band wieder zusammenkam: das fiel unheimlich leicht, das hat unheimlich Spaß gemacht. Und das geht sicherlich so in diese Richtung, dass man besser weiß, was man tut, dass man schneller am roten Faden ist. Und ich glaube schon, dass sich das niederschlagen kann. Regner: Wir haben uns in den Achtzigern oft anhören müssen: "Warum macht ihr eigentlich so traurige, so düstere und langsame Musik - damit kann man doch nichts verdienen". Und damals waren wir noch sehr jung. Es war also grundsätzlich klar, dass sich an der Musik nichts wird ändern müssen, wenn wir mal vierzig oder fünfzig sind. Also nicht aus gesundheitlichen Gründen oder weil man älter ist, sondern es ist einfach eine Musik, mit der man in Würde alt werden kann. Nicht, dass es nicht anstrengend wäre, wenn wir auf Tour gehen. Aber ich muss dann kein Fitnessprogramm machen. Ich muss nicht auf Traversen klettern und auf der Bühne rumjoggen. Das kann ich mir alles schön ersparen. Das war von vornherein klar, weil das einfach unser Ding nicht ist. Insofern würde ich das mit dem Alter vor allem in Bezug auf die Abstände zwischen den Platten sehen. Aber man weiß nicht genau, ist es das Alter? Oder die Tatsache, dass man schon so viele Platten gemacht hat? Am Anfang brauchst du Repertoire. Dann willst du sofort eine zweite, dritte, vierte Platte machen. Also kamen '86, '87, '88, '89 im Frühjahr jeweils die Element Of Crime-Platten raus. Und vier Jahre ist für jemanden wie mich, der jetzt Mitte vierzig ist, auch nicht mehr eine so lange Zeit zwischen zwei Platten, wie vielleicht ein Jahr für jemanden, der 24 ist. ?: War euer Zusammenkommen auch so etwas wie "back to the family"? Ihr habt ja auch eure festen Gastmusiker. Regner: Für mich ja. Es ist einfach toll, es geht einfach wieder los. Jetzt geht alles wieder von vorne los. "Es fängt alles wieder von vorne an" heißt es glaube ich bei Tocotronic irgendwo, genau so ist es. Es ist grundsätzlich wieder eingeschaltet, das Leben ist wieder im Rock'n'Roll-Modus. Und dazwischen schaltet man das auch aus. "Back to the family" stimmt schon, also man sieht die alle mal wieder und ist plötzlich wieder in dem anderen Leben drin. ?: Ist der leidende Künstler, der erst durch sein Leid kreativ werden kann ein Thema für dich? Regner: Das ist ja einer der ganz großen Irrtümer des 19. Jahrhunderts! Das ist ja auch erst im 19. Jahrhundert erfunden worden, dieses Kitschbild - Spitzweg, der arme Poet. Und das führt zu furchtbaren Verwerfungen. Leute tun sich selbst was an, nur um irgendwie Künstler werden zu können; also schaffen sich künstlich Leiden, weil sie glauben, dass dann ihre Kunst besser würde! Nein, nein, das muss gar nicht sein. Niemand weiß, ob Homer wirklich an den Eroberungskriegen der Achäer teilgenommen hat gegen die kleinasiatischen Küstenstädte. Das interessiert auch kein Schwein! Trotzdem ist die "Ilias" ein großes Stück Literatur! Vielleicht das Größte, was wir haben im Abendland. Das ist ja die Mutter aller Literatur. An dem Beispiel kann man schon sehen, dass der ganze Begriff des Authentischen ganz uninteressant ist. Das kann man immer postulieren: so habe ich gelebt. Aber wenn man wirklich so leidet, dann schreibt man in der Zeit doch kein Buch. Tut mir furchtbar leid, vom Leiden kommt nichts Gutes! ?: Ist für dich die Sehnsucht nach Liebe die einzige Hoffnung, die uns bleibt? Regner: Nein, aber es ist ein sehr spannendes Thema. Das ergibt sehr viele gute Geschichten, und mit diesem Liebesding werden einfach so wahnsinnig viele andere Hoffnungen verbunden. Kaum etwas anderes kann das Leben so aus der Bahn werfen und verändern. Musik ist ja sehr gefühlsbetonte Kunst - abstrakt, aber eben auch so emotional. Das passt natürlich gut zusammen. Und das Liebeslied ist einfach das Alpha und das Omega auch des Rock'n'Roll. Die beiden großen Themen in der Musik sind die Liebe und Gott. Natürlich kann man über alles andere auch singen. Aber am Ende kommt man immer wieder dahin zurück. ?: Was haltet ihr von der aktuellen Diskussion über die Deutsch-Quote im Radio? Pappik: Blödsinn! Regner: Das ist so eine Moorleiche. Die kommt alle vier Jahre an die Oberfläche. Ein Zombie, der durch die Zeit läuft als Untoter, also wirklich! Und ich muss sagen: Alles schön und gut mit Frankreich, aber da gibt es von den Franzosen nichts zu lernen. Das ist wirklich übelster Kultur-Protektionismus und ergibt überhaupt keinen Sinn. Und ist im Grunde genommen eine indirekte Subvention. Wenn die deutschsprachige Musik so was bräuchte, wäre sie es nicht wert. Ganz einfach. Schluss aus. Und man muss sagen, das ist eine Form von Zensur, und Zensur sollte nicht stattfinden. Ich bin für Rundfunkfreiheit, ich bin dafür, dass die Leute im Radio über ihr Programm selbst entscheiden können. Und es gibt keinen Anspruch deutscher Musiker, im Radio gespielt zu werden. Auch nicht beim öffentlich rechtlichen Radio. Das muss ich einfach sagen, das ist eine absolute Unverschämtheit (lacht). ?: Zum Schluss möchte ich noch auf den Buchautoren zu sprechen kommen. Gibt es irgendwelche Veränderungen im Bandgefüge, dadurch, dass du jetzt Bestseller-Autor bist? Pappik: Ich spreche jetzt mal für die Band: Da gibt es überhaupt keine Veränderung. Wenn Sven das Buch schreibt, kann man zwar keine Platte vorbereiten oder auf Tour gehen. Aber die Band ist ja wieder angesprungen. Das eine hat geklappt, das andere hat geklappt. Aber das berührt sich kaum. Vielleicht in der Schnittmenge des Publikums. Aber das muss man sehen. Regner: Richard ist der Sänger in einer Band namens Bongogott. Er singt und spielt Gitarre. Und hat das unser Verhältnis verändert? Nein. Das sind einfach andere Welten, das ist eine andere Zeit. Wir schalten ja die Band ab, dann kann jeder machen was er will. Aber ich als Bandmitglied sehe da keinen Zusammenhang. Der Autor Regner ist ein anderer, in einem anderen Modus. Das war letztes Jahr, dieses Jahr ist das nicht mehr. Der ist nicht da. Der kommt dann vielleicht übernächstes Jahr wieder.
Ulf Kneiding
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