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  Interview ::: Hanin Elias
Review

"Entwurzelte Wurzeln haben immer Sehnsucht"

Mai 2004

Hanin Elias - "Entwurzelte Wurzeln haben immer Sehnsucht" Weitere Inhalte zu Hanin Elias

Future Noir (CD)
 
?: Auf der Fatal-Website [klick] habe ich deine Philosophie gelesen und möchte sagen, dass ich ebenfalls recht düstere Aussichten in der Zukunft sehe, wenn sich nicht viele Menschen gegen die bestehenden Strukturen in Industrie und Politik auflehnen. Was ist deiner Meinung nach der Grund, dass so wenige couragierte Frauen, z. B. aus der Gothic- und Elektroszene, ihren Mund aufmachen und sich gegen die männliche Dominanz wehren? Warum singen so viele Bands von Sex und Gewalt, ohne den Kontext zu reflektieren und kritisch zu sein?
!: Dazu muss ich sagen, dass ich inzwischen weniger Wert auf meinen feministischen Kontext lege, als es in der Philosophie den Anschein hat. Die Zeit hat mich doch anderes gelehrt. Es schränkt mich eher ein in meinem Leben, als dass ich Gleichgesinnte finde. Man wird kritisiert und in Schubladen gesteckt, wird gemaßregelt und stößt sich an dogmatischen Menschen den Kopf.
Ich sehe das ganze dominierende Machtverhalten zwar als männliche, eingeschränkte Welt an, aber doch auch bewusst von Frauen gewollt/mitgesteuert und kann mich daher nicht nur gegen Männer stellen. Ich kritisiere den gesamten verlogenen Machtapperat, der sich Staat nennt, der nur von der Dummheit seiner Bürger profitiert, der verhindert dass wirkliche Veränderungen passieren können, Politik und Industrie der Interessen, kurz gedachte Habgier und triebgesteuerte, fanatische Existenzen. Warum Gewalt verherrlicht wird, ist eindeutig: Kids sehen, dass sie mit Gerechtigkeit und Intellekt nicht weiterkommen, dass es letztendlich nur um Geld und Macht geht und dass nur über Gewalt und Abgestumpftheit etwas zu erreichen ist oder durch eindrucksvolle Inszenierung. Wer krass hart ist, ist nun mal cool in den Augen von pubertierenden Teenagern, die sich vor nichts mehr fürchten, als dass man sie als sensibel und verletzbar enttarnen könnte. Das ist dann nämlich der Beginn für das abgeschossen werden. Wo wird das deutlicher als in der Politik und in der Hackordnung einer kalten Leistungsgesellschaft? Manche kommen aus dieser Schutzwallsituation nicht mehr raus und bleiben sich und anderen ewig fremd. Aber hart und cool.
Hauptsache, es gibt noch irgendeinen Schwächeren, auf dem man rumhacken kann, seien es Frauen oder Vertreter anderer Nationalitäten... um zu vergessen, dass man selber wertlos ist in diesem System. Schade.
Dennoch bin ich gegen Zensur, ich will sehen was wodurch entsteht und nicht mit einer rosaroten Brille auf der Nase verblöden.
?: Ich habe das Video zu "Slave" gesehen. Müssen Männer in deiner Umgebung bei dummen Sprüchen um ihr Leben bangen?
!: Im "Slave"-Video wollte ich auf die Gefahren hinweisen, wenn man Frauen durch Männerverschwörungen in gewissen Bereichen des Lebens ewig unter sich halten will... solche Typen sollten besser aufpassen, sonst verwandeln wir uns in das Klischee ihrer Albträume von der blutsaugenden Frau!
?: Das neue Album "Future Noir" gefällt mir sehr gut. Wie kam es dazu, dass du dieses musikalisch wie politisch vielschichtige Album geschrieben hast? Was waren deine Intentionen? Was waren deine konkreten Beweggründe zu Songs wie "War" oder "Untouchable"?
!: Ich fühlte mich sehr melancholisch in einer Zeit, in der Musik nicht mehr honoriert wird, in der es keinen Halt, kein Recht zu geben scheint, wo wirtschaftlich alles zusammenkracht, wo Krieg aufgrund von Beschuldigungen und Vermutungen so offensichtlich unangebracht angezettelt wird, wo Menschen einer Glaubensrichtung wie im Mittelalter als "Böse" verunglimpft werden, wo durch Globalisierung die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Ich sah, wie unser damaliger Vertrieb zugrunde ging und damit auch die Hoffnung, mit dem Geschafften zu Knete zu kommen, um weitermachen zu können. Ich sah mich am Ende, sah den Haufen Scherben um mich herum und reflektierte mein Leben vor meinem inneren Auge.
Mit TweakerRay [klick] fand ich einen Produzenten der unserem Sound das nötige Pathos gab, der auch beängstigend und düster wirken sollte. "Untouchable" war unsere erste Zusammenarbeit.
Bei dem Text ging es mir darum, die Misere aufzuzeigen, die Kindheit mit sich bringt: Man wird in ein Umfeld geboren, das einen unweigerlich prägt. Ob es paradox ist oder zärtlich, alles hat seine Folgen und die Kleinfamilie als Neurosenherd und Zentrum allen Übels in unserer Gesellschaft...
"War (Extreme)" ist natürlich beeinflusst durch den War Against Terror, den Bildschirm-Battle der Guten gegen die Axis Of Evil. Das fand ich zum Kotzen, und es macht mir Angst, wie die USA ihre Sicht der Dinge mit aller Macht in die Welt tragen wollen. Diese verlogene Doppelmoral der puritanischen amerikanischen Regierung passt gut zu den kürzlich entdeckten Misshandlungen sexueller und gewaltsamer Art an irakischen Häftlingen.
?: In wie weit lassen sich deine syrischen Wurzeln in deiner Musik wieder finden? Beeinflussen dich deine Kinder in deinem Schaffen?
!: Entwurzelte Wurzeln haben immer Sehnsucht, sind nie ganz hier und nie ganz dort. Ich denke, dass mich auch arabische Musik in der Kindheit groß inspiriert hat, ebenso wie die Weite der Wüste, wie auch die offene, poetische Art der Menschen, die strengen Gepflogenheiten und Regeln, an die man sich halten muss und die Wärme, die Gerüche der Gewürze und die Intimität der Großfamilie.
Meine Kinder inspirieren mich, mich mit meiner eigenen Kindheit auseinanderzusetzen und bieten mir eine Erdung, die ich ab einem gewissen Punkt im Leben, an dem alles wegzudriften drohte, einfach bitter benötigte.
?: Beim Hören spüre ich, dass du viel Herzblut und Seele investiert hast, um dieses Album fertig zu stellen. Versuchst du bei Konzerten, deine Investition vom Publikum zurückzufordern? Geht so etwas überhaupt?
!: Nein, ich versuche immer noch tiefer in das Gefühl einzutauchen und es endlich mit und vor dem Publikum auszuagieren. Ich versuche immer noch mehr zu geben. Dennoch ist es auch wie ein Kampf, wenn man sich vor ein Publikum begibt und eine Zielscheibe darstellt. Es gibt Situationen, die mich sehr verletzlich machen, seitdem meine Songs so gefühlvoll sind. Das war früher mit ATR nicht der Fall. Geschützt durch eine Mauer von Sound und Noise war man nicht so verwundbar wie jetzt.
?: Deine Live-Performance ist meiner Meinung nach sehr körperbetont und erotisch. Befindest du dich auf der Bühne in einem Zwiespalt zwischen Ausbeutung der Frau als Showobjekt und deinen innersten Gedanken zum Feminismus? Sind das "Bühnenverhalten" und deine Einstellung für dich vereinbar? Oder fühlst du dich bei deinen Konzerten unter Gleichgesinnten? Du bist zweifelsohne eine sehr schöne Frau, die sich ihrer Schönheit bewusst scheint. Stehst du über solchen Fragestellungen? Stellst du dir solche Fragen selber? Werde ich zu indiskret?
!: Ich bekomme oft zu hören dass es sich um eine erotische Show handelt, die ich da performe. aber das bin einfach ich, die sich in dem Augenblick der Musik erfährt.
Ich befinde mich immer in einem Zwiespalt als Mensch und als Frau. Es gibt immer rechts, links und oben und unten. Als Frau aus dem Orient fühle ich mich sexuell befreit auf der Bühne, wenn ich mich bewegen kann wie ich will. Andererseits zeige ich mich in meiner Verzweiflung über ein Trauma, das ich wieder und wieder erlebe. Manche empfinden es als erotisch, es ist körperbetont, da der Körper und die Stimme mein Ausdrucksmittel sind. Ist es erotisch, wenn sich eine Frau auf die Knie schmeißt, sich im Dreck wälzt, sich mit Wasser begießt, sich fallen lässt, als würde sie von unsichtbarer Hand durch die Gegend geschleudert?
Als Zuschauer ist man der Voyeur und kann seine eigene Wahrnehmung auf das projizieren, was geschieht.
Ich fühle mich danach befreit. Durch meine Bewegungen vergesse ich mich, vergesse, dass ich auf einer Bühne vor Leuten stehe, die bezahlt haben, ich gerate so in Trance. Dann zerstöre ich mich, zerreiße alles und komme auf den Grund meiner selbst durch den Verlust von Kontrolle zurück. Und gegensätzlich dazu wieder kontrollierte Bewegung als Wiederherstellung der Rolle des Lebens, wie eine Marionette.
?: Ich bin erklärter Atari Teenage Riot-Fan und frage mich, wie deine zukünftige Zusammenarbeit mit Alec Empire aussieht. Gibt es noch Projekte zusammen oder ist dieses Kapitel für euch abgeschlossen? Auf "Future Noir" wirkte er ja noch mit.
!: Wir haben nicht auf "Future Noir" zusammengearbeitet, im Grunde auch nicht auf der "No Games No Fun", wo ich zwar einen Song ("You Suck") benutzt habe, der bei ihm im Studio entstanden ist, der aber schon etwas älter war. ATR liegt auf Eis, und es sieht nicht so aus, als gäbe es dem, was wir mit der Band schon veröffentlicht haben, noch etwas hinzuzufügen. Alles trifft gerade ein und da ein Mitglied der Band (Carl Crack) Suizid begangen hat, gibt es die Band auch gar nicht mehr. Mal abgesehen davon, dass man mit 30 den Bandnamen eh nicht mehr benutzen sollte...
?: Sind weitere Projekte mit Sina Hübner von Pzychobitch/S.I.N.A. geplant? Euer "Fitter Than You" hat mir außerordentlich gut gefallen. Seid ihr Schwestern im Geiste?
!: Sina hatte mir mal Demos für Fatal geschickt und ich fand die Sachen interessant. Als wir dann eine Rec-Release Party in Berlin hatten, habe ich sie gefragt, ob sie nicht Bock hätte, dort auch zu spielen. So kam der Kontakt zustande. Ob wir Schwestern im Geiste sind, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht genau, da wir uns noch gar nicht über andere Dinge als Musik unterhalten haben.
"Fitter Than You" gefällt mir auch sehr gut. Sicher machen wir noch mehr Sachen zusammen.
?: Wie denkst du über die aktuelle Industrial-Elektro-Gothic-Szene? Fühlst du dich ihr verbunden?
!: Soviel Ahnung habe ich davon gar nicht, ehrlich gesagt. Ich hänge da noch meinen alten Teenageridolen nach: Danielle Dax, Joy Division, Siouxsie and the Banshees, The Cure, X-Ray Spex, Throbbing Gristle, Flying Lizards etc. Außerdem gibt es eine ganz interessante Szene in San Fransisco um The Vanishing für die ich jetzt auch zusammen mit Bertil Mark einen Remix gemacht habe. An Industrialkram finde ich natürlich Ministry, Nine Inch Nails, Alec Empire und TweakerRay [klick] etc. gut.
?: Ich danke für das Gespräch!
!: Gern geschehen.

Holger Galla


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