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  Interview ::: Urlaub in Polen
Review

Gleichmütige Diktatoren

März 2004

Es ist Sonntag, kurz vor den richtig dollen Tagen in Köln. Ich klingle an einer alten Haustür, die offensichtlich in eine Hofeinfahrt eingebaut wurde. Dann schreite ich durch den länglichen Hof. Entspannte Ruhe umgibt mich, bis ich mich frage, wo ich hinein muss. In dem Moment sehe ich zur Linken jemanden aus der Erdgeschoss-Wohnung des hinteren Hauses winken. "Das findet nie jemand", begrüßt mich Philipp an der Wohnungstür. In der WG-Küche sitzen drei Leute, trinken Kaffee und rauchen. Der WG-Partner verzieht sich, nachdem ihm ausgerichtet wird, dass seine Tante am Morgen angerufen hatte und ganz konsterniert war, dass er noch pennte. Ansonsten ist da Gordon vom Label RaketeMusik und Philipps Mitmusikant Georg. Es folgt ein kurzes gemeinschaftliches Staunen, ob der Wunderwerke der Technik, während ich den MiniDisc-Rekorder nebst Mikrophon ans Laufen zu bekommen versuche.

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Die schwierige erste Frage soll das Eis endgültig brechen. Die Bandgeschichte ansprechend bekomme ich jedoch nur knappe Informationen. Georg Brenner – seines Zeichens Gitarrist, Sänger, Fußbass-, Moog- und Effekt-Bediener bei Urlaub in Polen – machte das schon länger und Philipp Janzen – Schlagzeug und Moog – kam im Jahre 2000 dazu, nachdem sie sich auf Konzerten und einer Party kennen gelernt hatten. Der alte Schlagzeuger war kurz zuvor ausgestiegen.
Wir kommen also schnell zu dem eigentlichen Kernpunkt, welcher Urlaub in Polen ausmacht: die Zweierbesetzung. Georg überlegt kurz und setz mit ruhiger, fast sanfter Stimme an:
"Es funktioniert so und bis jetzt gab es noch keinen Anlass, das zu verändern." Klar wären da im Studio auch mal Gäste dabei, aber auf der Bühne müsse er eben die Gitarre mit den Händen und mit den Füßen den Bass spielen. "Live funktioniert das zu zweit ziemlich gut. Die Sachen sind halt so gestrickt." Das sei zweckdienlich und zu zweit auch viel rentabler.
An diesem Punkt schaltet sich Philipp vehement ein:
"Absolut zweckdienlich, aber das ist natürlich nicht die musikalische Begründung. Die musikalisch positive Komponente finde ich, ist der Entstehungsprozess im Proberaum. Dadurch, dass nur zwei Leute da sind, ist es wesentlich einfacher, in einer bestimmten Geschwindigkeit Songs zu schreiben. Oft macht man ja den Fehler, wenn man in so einer klassischen fünf-Mann-Band spielt, dass die dann absolut pluralistisch demokratisch aufgebaut ist, was eigentlich unsinnig ist, um Entstehung von Musik zu gewährleisten." Und Georg schließt lückenlos an: "Wir sind zwei Diktatoren." Er wollte den Satz zwar fortführen, muss aber mit den anderen mitlachen. In der folgenden kurzen Pause greift Philipp das Körnchen Wahrheit in dieser Bemerkung auf und stellt fest, dass sie beide schon ziemliche Dickköpfe seien. Sie einigen sich dann darauf, dass zwar Spannungen entstehen, die aber eher eine positive Energie entwickeln.

Bei dem Versuch, zu erfahren, wie die beiden die Musik sehen, die aus diesen Energien resultiert, versuche ich meinen Eindruck davon zu beschreiben: Ich höre eine Mischung aus Ernsthaftigkeit, Humor und Experimentierfreudigkeit und dem Drang, durch Reduktion zu dem Kern der Sache zu kommen. Georg schaut überrascht: "Das umschreibt es eigentlich ganz gut," kurze Verwirrung, "ja doch!"
Um noch näher an den Punkt zu kommen, bringt der Schlagzeuger verschiedene Klangfarben und wieder die Zweierbesetzung ins Spiel. "Wenn die Stücke, die wir machen, im herkömmlichen Sinne instrumentiert wären, hätten sie wahrscheinlich ein anderes Flair. Hier lebt unheimlich viel durch Klangfarben, durch Effekte, durch den spezifischen, moogschen Sound vom Bass und das setzt unsere Klamotte, wenn man so will, von vielen herkömmlichen Sachen ab."

Eine grundlegende Komponente der UIP-Universums ist also "Freiheit durch Reduzierung. Dadurch wird die Phantasie mehr angeregt!"
Darunter fällt sowohl die Wahl der Mittel, als auch die musikalischen Strukturen selber. Davon zeugen einige sehr einfach gehaltene Stücke auf "White Spot". "Das ist aber keine Berufung auf elektronische Musik," erklärt Philipp. "Das ist eher diese Monotonie, die diesen bestimmten Reiz hat."
Wie ist denn die Reaktion des Publikums? "Die Leute hören total verschieden Dinge raus, wo ich dann zum Teil sehr verwundert bin oder die Bands gar nicht kenne. Jeder nimmt das glaube ich so wahr, wie er es gerade braucht. So Leute kommen dann echt mit Bands wie Prodigy oder es ist das totale Rockbrett – Led Zeppelin oder Pink Floyd – oder total elektronisch. Ja, das lässt man dann so da stehen. Aber ich freue mich darüber." Denn selber täte Georg sich mindestens ebenso schwer, seine Musik einzuordnen und das aus Überzeugung. "Den Fehler machen viele Bands, dass sie überlegen, was sie machen wollen. Man macht einfach." Und das soll im Falle Urlaub in Polen auch alles andere sein als Kritik an der Gesellschaft oder so etwas, aber "wenn es so rüberkommt, soll es mir auch recht sein."

Ulf Kneiding


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