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  Interview ::: Tori Amos
Review

"Wir müssen endlich wie Weltbürger denken!"

Februar 2003

Leicht hat sie es ihren Hörern nie gemacht. Und auch das neue Album von Tori Amos, "Scarlet's Walk", verlangt die ungeteilte Aufmerksamkeit. Kryptisch scheinen die Texte der 39jährigen US-Amerikanern häufig beim ersten Hören. Wer sich aber erst einmal auf Songs wie "Gold Dust" oder "Amber Waves" einlässt, der wird nicht nur mit wunderschönen Melodien, sondern auch mit Gedanken von tiefer Spiritualität entlohnt. Und so gerät "Scarlet's Walk" neben Bruce Springsteens "The Rising" wohl zu einem der authentischsten Manifeste amerikanischer Befindlichkeit nach dem 11. September. Im Interview mit discover spricht sie über den Unterschied zwischen Amerika und den USA, über den 11. September und eine neue Spiritualität.

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?: Tori, Ihr neues Album "Scarlet's Walk" scheint eine Reise mitten hinein in das Herz Amerikas, eine Art musikalisches Äquivalent zu einem Road Movie...
!: Ja, das ist die Idee, die diesem Album schließlich zugrunde liegt, wenn ich auch nicht von Beginn an daran gedacht habe. "Scarlet's Walk" führt mit seinen Songs vom Westen der USA quer durch den Kontinent bis an die Ostküste.
?: Ein langer Weg für "Scarlet"; wer ist diese Frau eigentlich, sind das Sie, ist das der typische Durchschnittsamerikaner oder wer sonst?
!: Scarlet und die anderen Figuren basieren durchaus auf wahren Personen und wahren Begebenheiten. Scarlet nimmt mich an der Hand und zieht mit mir durch Amerika. Sie ist die Personifizierung aller amerikanischen Frau in all ihren Schattierungen.
?: Was ist mit den amerikanischen Männern?
!: Ich mag die Vorstellung, dass der Mann die Erde ist, der feste Boden, auf dem die Frauen wandeln.
?: Betrachtet man die Fotos im Cover-Booklet, dann scheinen Sie in der Tat auch mehr am ländlichen Amerika interessiert, denn am Amerika der Mega-Städte...
!: Die Fotos mögen diesen Eindruck erwecken, es geht mir aber um ganz Amerika. Scarlet macht sich auf den Weg, um den Geist von Amerika zu spüren, und ich sage ganz bewusst "Amerika" und nicht "USA". Dieses Land gibt seine Geschichten frei, wenn man nur bereit ist zuzuhören. Viele dieser Geschichten sind noch begraben unter Stein und sind einfach vergessen worden...
?: Und Scarlet entdeckt sie wieder...
!: Genau, es gab bei den Stämmen der amerikanischen Ureinwohner eine lange Tradition, Geschichten mündlich weiter zu geben. Diese Tradition wurde aber zerstört, als die damalige US-Regierung den Indianern ihre eigene Sprache verbot.
?: Sie selbst haben indianische Vorfahren...
!: Umso mehr schmerzt mich das. Alles, was nur im Ansatz "native american" war, wurde verboten. Es ist kein Zufall, dass zu meiner Schulzeit die Geschichte der Indianer keine Rolle spielte. Das Konzept "One Nation under one God" war unantastbar, für indianischen Glauben durfte da kein Platz sein und man hat alles versucht, diesen Glauben auszurotten.
?: Dann ist Scarlets Reise auch eine hinein in die Befindlichkeit der indianischen Seele?
!: Ja, bei ihrer Reise durchs Land sammelt Scarlet nun die übriggebliebenen Teile, Scherben und Splitter auf.
?: Gemartert wurde in der Vergangenheit nicht nur die indianische Seele, sondern durch den 11. September auch die aller Amerikaner.
?: Ihr Song "I Can't See New York" scheint fast wie eine unheilvolle Prophezeiung...
!: Auf diesen Song stürzen sich die Medien nun natürlich und es scheint auf den ersten Blick tatsächlich wie eine Prophezeiung, ich habe den Song aber Monate vor dem 11. September geschrieben. Ich gebe zu, dass ich die Worte selbst erst wirklich verstanden habe, als das Unfassbare passiert war.
?: Wo haben Sie diesen Tag erlebt?
!: Ich war in Manhattan und bin ziellos umher gelaufen. Ich werde niemals den beißenden Geruch vergessen, diese Mischung aus Benzin, verbranntem Plastik und Stahl und menschlichen Körpern.
?: Was bedeutet der 11. September Ihrer Meinung nach für Amerika?
!: Der 11. September ist für die Stadt New York aber auch für die amerikanische Seele eine große, schmerzhafte Wunde, die sich vielleicht nie ganz schließen lässt.
Dieser Tag gehört von nun an unwiderruflich zur amerikanischen Geschichte. Wer nun über Amerika spricht oder schreibt, muss immer auch den 11. September berücksichtigen.

?: Wie kann Amerika lernen, mit dieser Wunde zu leben?
!: Ich spüre seit diesem Tag, dass sich die Menschen verändert haben. Sie scheinen endlich wieder zu verstehen, dass die Erde und das Land eine Seele haben. Zum ersten Mal scheinen sie nun auch ein Verständnis für das indianische Lebenskonzept zu haben. Sie begreifen, welche Beziehung Indianer zu dem Boden haben, auf dem sie leben. Das kann man auch in New York spüren. Die Menschen hungern nach... (lange Pause)...
?: ...Spiritualität?
!: Ja, es fehlte einfach der Bezug zu der Kreatur, die uns alle ernährt und uns beschützt, egal ob man diese Kreatur nun Erde, Gott oder sonstwie nennen mag.
?: Was denken Sie jetzt über den Irak-Konflikt?
!: Ich sage Ihnen, was ich über unsere Regierung denke. Viele Amerikaner sind wie ich verstört und entsetzt über die Bush-Administration. Wenn wir diese Erde retten wollen, dann müssen wir endlich lernen, nicht wie Amerikaner zu denken, sondern wie Weltbürger.
?: Die Bush-Regierung dürfte das anders sehen...
!: Niemand von uns weiß doch, worum es wirklich geht. Geht es Bush um Öl oder nicht, was könnten sonst für Interessen eine Rolle spielen? Eine neue Generation muss endlich heran wachsen, eine Generation, die auch den Mut aufbringt, hinter die Kulissen zu blicken. Wir müssen in Zukunft alle sehr wachsam sein.
?: Für diese Wachsamkeit klingen Ihre Songs aber sehr zart und sanft...
!: Da möchte ich widersprechen. Natürlich stimmt das für die Musik an sich, die Inhalte zeigen aber auch, dass ich sehr wütend bin über den Zustand dieser Welt.
?: Sie scheinen in großer Sorge...
!: Wer ist das nicht? Viele von denen, die etwas zu sagen haben, missbrauchen diese Erde. Es liegt an uns allen, das zu ändern. Schließlich hängen nicht wir von den Führern unserer Nationen ab, sondern diese von uns. Wir haben sie gewählt, wir können sie wieder abwählen. Und es darf nicht sein, dass Menschen zum Vaterlandsverräter abgestempelt werden, nur weil sie Fragen stellen.
?: War das der Grund dafür, dass Sie Ihre Heimat verlassen haben und nach Cornwall gezogen sind?
!: Nein. Ich lebe heute in Cornwall, weil mein Ehemann Mark Hawley Engländer ist. Ich mag es aber auch selbst, in Europa zu sein...
?: ..., weil Sie sich in Amerika verloren fühlen ("I'm lost in a place called America"), wie es in "Wednesday" heißt?
!: Ich liebe Amerika immer noch, schließlich ist das meine Heimaterde. Und am besten fühle ich mich im Südwesten, in Arizona, Utah oder New Mexico, wo der Geist meiner Vorfahren ganz deutlich zu spüren ist. Wenn man da draußen ist, dann scheint Zeit keine Rolle mehr zu spielen. Sie kennt dann weder einen Anfang noch ein Ende.
?: Sind Sie ein glücklicher Mensch?
!: Ich glaube schon, zumindest tue ich etwas dafür. Ich bringe den Geistern häufig eine Opfergabe dar, z. B. lasse ich stets ein wenig Bordeaux im Glas. Ich glaube, sie mögen das.

Andreas Kötter


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