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  Interview ::: Gentleman
Review

"...einen Longplayer machen, den man auch long playen kann!"

März 2002

Mehr als drei Jahre ist es her, dass der Kölner Tilman Otto, besser bekannt als Gentleman, mit "Trodin On" das erste ernst zu nehmende Dancehall- und Reggae-Album herausbrachte. Dazwischen ist er mit dem Freundeskreis getourt, Vater geworden, hat Vielflieger-Meilen zwischen Köln und Kingston gesammelt und bestimmt den einen oder anderen Spliff geraucht. Jetzt erscheint die zweite Platte unter dem Titel "Journey to Jah". Ein Gespräch über Roots, Rastas und das Rauchen...

Gentleman - "...einen Longplayer machen, den man auch long playen kann!" Weitere Inhalte zu Gentleman

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?: Warum hat es über drei Jahre gedauert, bis du nach "Trodin On" mit einer neuen Platte kommst?
!: Nach der ganzen Freundeskreis-Geschichte, nachdem ich in '99 während eines Jahres 150 Konzerte gespielt habe, bekam ich irgendwann ein Gefühl der Isolation... - Music Business, ok, aber was passiert denn da draußen sonst noch so in der Welt?! Außerdem ist meine Freundin schwanger geworden und es haben sich dann einfach die Prioritäten verschoben. Das war der Punkt, wo ich mir eine kreative Pause genommen habe, die habe ich einfach gebraucht. Andererseits kam mir die Pause auch nicht lang vor, auch wenn drei Jahre natürlich eine lange Zeit sind.
?: Ist das auch ein Grund dafür, dass das Album sehr Roots-orientiert ist?
!: Auf dem ersten Album habe ich viel ausprobiert und war auch noch nicht so gefestigt, was auch okay war, aber... - Roots war immer mein Ding, ich stand immer mehr auf Roots, als auf den Hardcore-Dancehall. Ich wollte einfach einen Longplayer machen, den man auch long playen kann! Die Roots-lastigen Stücke des ersten Albums kann ich mir heute immer noch anhören, die Dancehall-Sachen eher nicht. Roots ist einfach eine langlebigere Geschichte, beständiger. Deshalb war das für mich eine klare Sache: Ich will von dem harten, digital programmierten Sound weg, hin zur Live-Band-Geschichte.
Die klassische Geschichte ist ja die: Da kommt der Sänger ins Studio und der Produzent sagt, "Hier, such dir einen Beat aus..." - damit passt du als Sänger dann ja eigentlich deine Vocals der vorgefertigten Musik an. Natürlich ist das nicht schlecht und es entstehen geile Sachen, aber das war ein ganz anderes Ding, mit der Firehouse-Band in den Tuff Gong-Studios aufzunehmen. Da sind Songs wirklich Stück für Stück entstanden, das war für mich ein ganz anderes und besseres Gefühl als die Nummer: "Hier ist der Beat, schreib da mal nen Text drauf..".

?: Wobei das ja auch die klassische Reggae-Arbeitsweise ist, wenn ein Sänger mit einem Produzenten arbeitet...
!: Trotzdem, auch da sind die rein digitalen Zeiten vorbei. Das Herz der Reggae-Musik schlägt in Jamaika, und dort laufen nun mal super viele begnadete Musiker herum, wo es einfach überflüssig wird, eine Bassline zu samplen, wenn da jemand steht, der die Bassline auch mal eben einspielen kann. Das ist ein Vorteil, den man dann auch nutzen sollte. Im Gegensatz dazu gibt es hier viele Leute, die am MPC ein Album produzieren, das geht dann super ab und die merken, wow, wir müssen jetzt eine Band haben!
?: Meinst du, dass die Roots-Geschichte auch den Stand der Szene in Deutschland spiegelt, dass sich die Szene von den harten Dancehall-Sachen entfernt?
!: Ich glaube, beides wächst. Ganz früher war das Reggae-Klischee: Lange Haare, Bob Marley, alle laufen barfuß rum und kiffen sich die Birne weg. Da wurde vergessen, dass sich die Musik seit Bob Marley entwickelt hat, vor allem hin zum digitalen Dancehall - aber parallel dazu hat sich auch der Roots-Reggae weiter entwickelt.
?: Wie sehen denn die Leute in Jamaika die deutsche Szene? Ist es für die immer noch exotisch, dass da Sound Systems aus Finsterwalde kommen und sich Dubplates besingen lassen?
!: Die Dubplate-Geschichte ist echt eine Sache mit zwei Seiten. Wenn jetzt zum Beispiel Morgan Heritage nach Berlin kommt und irgendwelche Locals zwei Container aufstellen und zwanzig Sound Boys ihre Dubplates besingen lassen - man nennt das ja auch "Special" - und im Prinzip ist es zwanzig mal der selbe Tune, nur sagt Morgan Heritage dann jedes mal einen anderen Sound System-Namen - das ist dann nicht mehr "special", sondern ziemlich absurd.
Auf der anderen Seite ist es eine Sache für die Jamaican Artists, von der sie leben können. Dubplates und Live-Shows sind das Ding, womit man in Jamaica halt über den Berg kommt und nicht durch Plattenverkäufe. Da sehen die Sänger meist gar nichts von, eine Art Gema gibt es da erst seit kurzem, die steckt noch in den Kinderschuhen. Es ist schon ein superhartes Business in Jamaika mit viel mehr Sängern als Mikrofonen.

?: Ich habe gelesen, dass du ziemlich viel pendelst zwischen Köln und Jamaika.
!: Früher war ich jeweils ganz anders drauf, wenn ich in Deutschland oder in Jamaika war: Wenn ich hier war, wollte ich nach Jamaika, wenn ich dort länger war, wollte ich nach Deutschland, weil mir da alle auf den Sack gingen... - Irgendwas ist eben immer, so als wenn du beim schönsten Sex merkst, du hast kalte Füße, irgendwas ist immer. Aber auch da hat sich ja einiges geändert, und das hat mit der Musik zu tun. Es hat sich alles normalisiert, ist globaler geworden, es ist nichts mehr dabei, wenn auch ein japanischer Act in Jamaika aufnimmt... Das fließt alles ineinander, daher ist das für mich auch nicht mehr so ein Unterschied, ob ich dort bin oder hier.
?: Wenn du Köln und Kingston vergleichst, wo sind da Unterschiede und wo Gemeinsamkeiten?
!: Der große Unterschied ist der, dass die Musik in Jamaika allgegenwärtig ist. Statistisch gesehen gibt es nirgendwo so viele Studios wie in Kingston. Jeder, der in Kingston rumläuft, ist entweder Musiker, Sänger oder Produzent, es dreht sich alles um Musik. Es sind immer noch zwei verschiedene Welten - der Lifestyle, die Mentalität, das ist alles total anders - aber dann gibt es wieder die Reggae-Musik, die das alles zusammenführt, vereinigt, verbindet.
Inhaltlich ist es so, dass es sich in Jamaika in der Musik natürlich immer noch viel um Homophobie, Knarren, dieses ganze Gedöns dreht, das hier überhaupt nicht hinpasst, das man auch nicht übertragen kann. Gleichzeitig ist das aber genau so ein Teil dieser Kultur wie Lyrics, die sich um Righteousness und Consciousness drehen.
Ich hatte halt das Glück, dass ich nicht im Ghetto groß geworden bin, gutes Elternhaus, nie eine Knarre in der Hand, und kann deshalb natürlich auch nicht über Knarren singen. Auf der anderen Seite kann ich einem Bounty Killer, der in seinem Leben nur Wellblech gesehen hat, der zugesehen hat, wie Freunde erschossen wurden, dem kann ich nicht sagen: "Hey, sing doch mal was Nettes!"

?: Was war eigentlich für dich die Initialzündung, dich mit Reggae als Lebensinhalt zu beschäftigen?
!: Das hat sich immer mehr aufgebaut. Ich bin ja nicht mit 17 Jahren das erste Mal nach Jamaika gefahren und habe gesagt, ich bin Reggae-Sänger, sondern es war eine Entwicklung, die ganz langsam stattfand. Es wurde immer mehr und irgendwann bin ich morgens aufgewacht und habe gemerkt, ich kann davon leben. Es hat auch nie ein Plan dahinter gesteckt, es war auch immer zu speziell, dass man hätte glauben können, daß das hier mal markt-kompatibel wird - was es ja jetzt fast ist.
Wir haben damals angefangen mit den Platten, die wir gekauft haben, hier in Köln auf den Poller Wiesen. Haben Boxen gemietet vom PA-Verleih und hatten unter uns unseren Spaß, da war gar kein Anspruch dahinter. Es war eben eine langsame Entwicklung und deswegen ist es auch mit Reggae nicht so'n Hype - wie Jungle zum Beispiel, der war auf einmal da und dann auch wieder weg. Trotzdem ist der Reggae hier immer noch in den Kinderschuhen. Das macht es auch so spannend.

?: Du hast nie auf Deutsch gesungen...
!: Ich habe ja auf Jamaika angefangen zu singen, da kam das gar nicht in Frage. Mittlerweile, durch die ganzen Seeeds und D-Flames ist da ein ganz neues Bewusstsein entstanden - auch in der Muttersprache, was ich auch sehr wichtig finde, dass es das auch gibt. Aber ich bin schon zu weit in meinen eigenen Dingen, dass ich mir vorstellen könnte, jetzt zu switchen. Das können andere echt besser.
?: Warst du eigentlich nicht zunächst als Mr. Gentleman unterwegs?
!: Eigentlich nie. Das war nur so ein Ding, als ich mich bei der Gema angemeldet habe, da gab es einen schwedischen Rockmusiker, der hieß auch Gentleman und war auch schon so eingetragen, deswegen musste ich das halt machen. Ich habe das auch nie richtig verstanden, ob das jetzt vorne auf der Platte drauf stehen muss - ich hoffe, ich kriege meine Kohle trotzdem!
?: Ist der Name auch programmatisch für deinen Stil?
!: Ja schon, aber es stimmt natürlich nicht, dass ich nur von nicen Sachen singe. Hat mir auch letztens einer vorgeworfen: "Deine Musik und so, das ist ja echt schön, aber hast du nicht bei deinen Texten so ein bisschen die rosarote Brille auf?" - Das stimmt nicht, natürlich erlebe und sehe auch ich Dinge, die mich tierisch abgefuckt zurück lassen, die den Frust auch beim Schreiben rauskommen lassen - Und es ist genau so ein Teil der jamaikanischen, auch der Weltkultur, die ganzen Riots, die überall sind, es ist ein globales Thema. Ich glaube nicht unbedingt, dass es schön ist, was so auf der Welt passiert, und ich wollte meine Einstellung zu diesen Sachen schildern.
?: Du bist kein Rastafari, wie ich aus dem Info erfahren habe, dennoch heißt deine Platte "Journey to Jah"?
!: Die Leute, vor denen ich in meinem Leben am meisten Respekt gehabt und von denen ich am meisten gelernt habe, sind Rastas gewesen. Aber Selassie ist nun mal nicht mein Mann, weil ich einfach beide Seiten kenne. Wenn du von etwas begeistert bist, wenn du für dich einen Glauben entdeckt hast, dann besteht auch immer gleichzeitig der Hang zu Verdrängung. Man merkt es dann, wenn ich mit Daddy Rings, der Jamaikaner und Rasta ist und Selassie hier auf seiner Brust hat, auf Tour gehe - zusammen mit Afrob, der aus Eritrea kommt, wo dann Diskussionen stattfinden, wo man merkt: Okay, es gibt zwei Seiten.
Selassie war halt echt der Einzige, der versucht hat, Afrika zu vereinigen. Und nachgewiesen ist, dass er vom Stamm Davids abstammt, was auch ein unglaubliches Phänomen ist - was auch mal vorausgesagt worden ist. Das sind alles so mystische und doch reale Sachen, die mich natürlich faszinieren - aber ich schaue mir dann halt auch die andere Seite an, wenn Afrob sagt "Hey, der Typ hat meine Oma gekillt."
Ich habe Respekt vor jedem, der seinen Glauben gefunden hat, der ihn in seinem Leben und in seiner Einstellung stärkt. Und das ist das, was ich so selber mitkriege in den Rastas, ich sehe bei einem echten Rastaman keine Intoleranz oder Brutalität, sondern ich habe nur Rastas kennen gelernt, die voll mit sich im Einklang sind und eine totale Ausgeglichenheit haben.
Aber dennoch gibt es diese zwei Seiten und ich kann das andere auch nicht verschweigen und deshalb kann ich nicht sagen, ich bin ein Rastaman, genauso kann ich nicht sagen, ich bin Christ, obwohl mein Vater sogar Pastor ist. Ich habe mir einfach über die Jahre mein eigenes religiöses Bild zusammengesetzt, wo Rasta eine Rolle spielt, von den Christen am wenigsten, Buddhismus... Irgendwann habe ich einfach gewusst, ich bin ein gläubiger Mensch. Ich halte das für den richtigen Weg: Religiös zu sein ohne Dogma.

?: Ist Ganja eigentlich noch ein Thema für dich?
!: Also, ich habe viele Erfahrungen in der Richtung und dabei auch vieles falsch gemacht. Ich hatte ein Schlüsselerlebnis in Dinslaken, wo ich auf die Bühne kam, wie immer mit meinem Spliff im Mund, weil ich damit einfach relaxter bin und die Musik mehr spüre - glaube ich. Da waren dann die ersten drei Reihen so Zwölfjährige, die da total breit standen, mit so Jägermeister-Fläschchen in der einen und jeder 'nen dicken Joint in der anderen Hand und meine Texte mitgegröhlt haben. Ich hab nur gedacht, oh Scheiße, so was wolltest du doch gar nicht.
Ich habe einfach die Erfahrung gemacht, dass der Konsum von Gras in Jamaika, so wie ich ihn kennen gelernt habe, was ganz anderes ist als hier in Deutschland. In Jamaika ist es echt Meditation und hier ist es eher Verdrängung. Bis vor kurzem habe ich noch bei jedem Konzert gesagt: "Big Up All Of Di Ganja Smokers" - Wahrscheinlich muss man den Leuten mittlerweile im gleichen Satz erklären, wie sie damit umzugehen haben. Und nicht aus so einer Leere, aus einer Verdrängung raus zu rauchen, sondern als Upliftment.


Daniel Giebel


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