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  Interview ::: Stabbing Westward
Review

Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele - oder: Das Schreiben von Songs ist die billigste Methode, seinen Seelenmüll zu entsorgen

vor 2001

Was hat der englische Kultautor Douglas Adams (Per Anhalter durch die Galaxis) mit der amerikanischen so ganz und gar noch nicht kultigen Rockband Stabbing Westward zu tun? Nun manchmal muß man eben Vergleiche an den Haaren herbeiziehen um die Aufmerksamkeit zu erregen, die einer Band gebührt. Dabei ist die Titel-Parallele des Rockalbums "Darkest Days" mit dem des Krimi, oder SF gar nicht mal so abwegig. Nur dass es bei Stabbing Westward eher selten heitere Momente gibt, während man bei Douglas Adams jede Leiche mit Schenkelklopfern begrüßt.

Stabbing Westward - Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele - oder: Das Schreiben von Songs ist die billigste Methode, seinen Seelenmüll zu entsorgen Weitere Inhalte zu Stabbing Westward

 
!: Wir werden oft als die moderne Ausführung des Grunge bezeichnet. Ich denke, das bezieht sich in der Hauptsache auf unsere Texte, die fast immer die depressiven Seiten des Zusammenlebens beschreiben.
?: Eigentlich sollte man meinen, dass Leadvocalist Chris Hall verdammt unglückliche Beziehungen hinter sich gebracht haben muss, doch der Sänger ist nicht der einzige Songwriter in der Band. Auch Drummer Andy Kubiszewski beteiligt sich maßgeblich an der Verfassung negativer Lebenseinstellungen.
!: Unsere Lyrics behandeln in der Hauptsache die dunkle und frustrierende Seite von Beziehungen. Das liegt einfach daran, dass wir eben eine Menge frustrierendes Zeug mit Beziehungen erlebt haben und immer noch erleben. Alles, was wir beschreiben, ist uns tatsächlich wiederfahren oder hat uns wirklich bewegt.
?: Gerade Andy und Chris haben sehr ähnliche Erfahrungen gemacht und so fällt es Chris auch nie schwer, die Texte von Andy glaubwürdig zu interpretieren.
!: Manchmal vergesse ich, dass es gar nicht mein Text ist. Dann muss ich tatsächlich Andy fragen, wer den Song denn jetzt geschrieben hat. Aufgrund unserer ähnlichen Geschichte und unserer gemeinsamen Gegenwart kann ich alles leicht nachvollziehen. In vielen Dingen ergeht es mir genauso, so dass der Text auch von mir stammen könnte.
?: Stabbing Westward ist ein Quintett aus drei Beziehungs-Losern (lediglich Keyboarder Walter Flakus hat eine Freundin, aber er schreibt auch keine Songs), setzt man einmal voraus, dass derjenige, der frustriert aus einer Beziehung herauskommt, der Verlierer ist.
!: Irgendwie peilen wir es einfach nicht, alles unter einen Hut zu bekommen. Das Musikerdasein verlangt so viele Opfer und das größte Opfer dabei ist, das du keine echte Chance auf eine intakte Beziehung hast. Wenn du einmal die Musik im Blut hast, kannst du eben nicht mehr anders. Es ist dann eben schwierig, eine Freundin zu finden, die versteht, dass du von etwas so total besessen bist, dass eigentlich nicht real existiert.
?: Die haben sich nun mal für in erster Linie der Karriere verschrieben, die Prioritäten sind innerhalb der Band klar gesetzt. Das gemeinsame Schicksal hat sie zur soliden Bandformation zusammengeschweißt. Was als Geschäftspartnerschaft begann, wurde zum Freundeskreis.
!: Es ist tatsächlich so, dass das Teilen eines gemeinsamen Schicksals dir Stärke gibt und es für uns alle leichter macht, die Entbehrungen zu tragen.
?: Natürlich hilft dabei auch der Erfolg. Bereits das zweite Album "Wither Blister Burn + Peel" war, zumindest in den Staaten, ein Megaseller. Die Single "What Do I Have To Do" turnte zwölf Wochen in den Top Twenty herum und barg ein Potenzial, das viele Seiten gleichermaßen ansprach. Die Grunge- und Alternativefraktion hatte ihre '96er Hymne, die Industrial- und Elektro-Crossover-Fetischisten konnten sie ebenfalls nach ihrem Gusto abfeiern. Dass der Erfolg natürlich eine Hypothek barg, ahnten sie bereits, als sie anfingen, für "Darkest Days" Songs zu schreiben.
!: Die Plattenfirma erzählt dir natürlich ständig, wie wichtig es ist, Hitsingles zu schreiben. Du hörst das so oft, dass es schwer wird, sich diesem Einfluss völlig zu entziehen. Aber dennoch sind die Lieder für "Darkest Days" völlig natürlichen Ursprungs. Ich glaube, wir können auch gar nicht anders, denn unsere Lyrics sind immer sehr persönlich und enorm emotionsgeladen. Und deshalb entspringen unsere Songs ausschließlich aus unserer Emotionalität und nie aus einer Rationalität heraus.
?: Andy und Chris bewältigen beim Songschreiben ihren Frust.
!: Deshalb sind wir Songwriter geworden. Das Schreiben von Songs ist die billigste Methode, seinen Seelenmüll zu entsorgen. Zwar könnten wir uns heute einen Analytiker leisten, aber das war eben nicht immer so und heute brauchen wir ihn nicht mehr. Denn wenn du dein Leid in ein Lied packst, wirst du später so oft damit konfrontiert, dass du es gar nicht schaffst, den Frust nur zu verdrängen. Im Studio musst du dich wieder mit deinen Erinnerungen auseinandersetzen und bei den Live-Auftritten kommt die ganze Suppe nochmal hoch. Wenn du es so nicht schaffst, die Dinge zu verarbeiten, dann weiß ich es auch nicht mehr. Bei mir ist es jedenfalls so, dass das Gefühl nach fünf oder sechs Gigs abgestumpft ist.
?: Zum emotionalen Frust gesellt sich auf "Darkest Days" die Power und Wut der Musik. Dabei sieht Chris Stabbing Westward weder als eine Industrial-, noch als eine Grungeband.
!: Die korrekte Bezeichnung für uns ist Rockband. Wir benutzen Gitarren, Drums, Bass und Keyboard neben dem Computer, hinter dem wir uns aber nicht verstecken, wie es Industrial- oder Bigbeatbands oft tun.
?: Andy macht es sich nicht so einfach.
!: Ich bin oft gefragt worden, wie wir unseren Sound beschreiben würden und ich habe nie eine gute Antwort geben können. Nimm zum Beispiel von unserem neuen Album "Sometimes It Hurts" und vergleiche es mit dem Song danach, "Drowning". Wenn die beiden Songs nicht auf demselben Album wären, könnten sie von zwei total unterschiedlichen Bands sein. Wir lieben den Gedanken, dass wir fähig sind, auf unseren Alben solche Überraschungen feilzubieten. Obwohl wir uns das übertriebene Herumexperimentieren auf "Darkest Days" weitgehend abgewöhnt haben. Lediglich "Goodbye" ist noch sehr kompliziert.
?: Mit dieser Einstellung geht Andy auf Chris' Aussage ein, die er zur Promo des Albums vom Stapel gelassen hat.
!: Wir haben damit aufgehört, uns vorzustellen, wer wir sein könnten und sind dazu übergegangen, wirklich wir selbst zu sein. Stabbing Westward sind erwachsen geworden.
?: Und ein Erwachsener lässt sich so schnell nichts mehr befehlen. Schon gar nicht von der Plattenfirma.
!: Die Mentalität der Plattenfirma besteht darin, dass sie am liebsten ein Album mit zehn Songs hätten, von denen sie fünf zur Single machen können. Unsere Mentalität ist es, Stories zu erzählen. Und für unsere fertige Geschichte brauchten wir deshalb sechzehn Songs und es war uns ziemlich egal, wieviel Singles man daraus machen kann.
?: Dennoch ist "Darkest Days" kein Konzeptalbum mit einer geschlossenen Handlung.
!: Es ist konzeptionell, weil alle Songs die Beziehung mit ihren Aufs und Abs zum Thema haben. Und es waren sechzehn Songs nötig, um den emotionalen Fluss ohne Unterbrechungen zum Ozean zu bringen. Sonst hätte das Album gewirkt wie ein Spielfilm, bei dem die Personen nicht vollständig entwickelt werden und sie ohne Sinn und Verstand durch die Handlung irren. Musikalisch ist jedoch kein verbindendes Konzept vorhanden. Zumindest haben wir über keines nachgedacht. Wenn es doch jemand findet, kann er es uns gerne sagen.
?: Für das Gesamtkonzept "Darkest Days" zeichnet auch Dave Jerden verantwortlich, der sich seine Meriten durch seine Arbeit mit Jane's Addiction und Alice In Chains verdient hat.
!: Das war genau der Grund, warum wir Dave haben wollten. Alle Stabbing Westward-Members haben ein eigenes Tonstudio zu Hause und wir produzieren alle Demos selber. Wenn du unser Demo zu "Darkest Days" gehört hättest, hättest du wohl kaum einen Unterschied zur Platte gehört. Wir wollten Dave, weil er eine Platte wesentlich besser aufnehmen kann, als wir es können. Wir hatten eine ziemlich genaue Vorstellung von der elektronischen Realisation des Albums. Doch Dave bewunderten wir wegen seiner Arbeit mit Jane's Addiction und Alice In Chains. Er sollte uns mit seinem Feeling und seiner Erfahrung ergänzen. Es brauchte seine Zeit, bis wir uns an seine Methode gewöhnt hatten, die so anders war als die von John Fryer, der unsere ersten beiden Alben produzierte. Aber als wir begriffen hatten, was Dave von uns wollte, kam Leben in die Platte, die vorher doch mit erheblich weniger Passion und Hingabe ausgestattet war. Als wir zusammen im Studio waren, war es erstaunlicherweise Dave, der aufkommende Zweifel mit den Worten: "Fuck that, you're a Rockband. That's fucking great. Let's move over to the next song", abwürgte. Das war wirklich cool, denn es war die Attitüde, die wir brauchten, um effektiv durch die Studiozeit zu kommen. Und es brachte den Vibe in die Band, der es dann fertigbrachte, "Darkest Days" mit Leidenschaften zu füllen, die ein Album, das nur von Emotionen getragen wird und nur Gefühle zum Thema hat, schließlich auch braucht.

Ralph Buchbender


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