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  Interview ::: Depeche Mode
Review

Immer noch ein fester Platz im Pop-Olymp

April 1997

Depeche Mode haben eine Bilderbuch-Karriere hinter sich. Schon kurz nach Gründung der Band, im Jahre 1980, enterte ihr Debüt-Album "Speak & Spell" weltweit die Charts. Fortan jagte ein Hit den anderen, jedes neue Album wurde geradezu überhäuft mit Auszeichnungen und Preisen. Und obwohl die Synthie-Pop-Welle der 80er ebenso schnell verebbte, wie sie aufkam, schien für Depeche Mode auf Lebenszeit ein fester Platz im Pop-Olymp reserviert zu sein. Doch nach dem "Songs Of Faith And Devotion"-Tour-Marathon bekam die bis dato weiße Weste der Band eine hässlichen Fleck. Alan Wilder verließ die Band, Dave Gahan kam durch Drogenexzesse und Verhaftungen in die Schlagzeilen der Boulevardpresse und Martin Gore und Andy Fletcher gingen auf Tauchstation. Sollte dies das traurige Ende einer der genialsten Pop-Bands aller Zeiten sein? Nach einer für das Musik-Biz endlos langen Pause von vier Jahren melden sich die übrig gebliebenen Drei nun mit dem neuen Album "Ultra" zurück. Im Gespräch mit Helmar Giebel brechen sie ihr Schweigen und schildern die Dinge aus ihrer Sicht.

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?: Sicher seid ihr schon ziemlich geschafft, nach dem ganzen Interview-Marathon der letzten Tage?
Dave: Naja, wir machen das jetzt schon seit drei Wochen.
Martin: Viele große Bands halten ja eher Pressekonferenzen ab, zu denen sie dann viele Leute einfliegen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, eine Menge Zeit zu investieren. Es gibt ja auch eine Menge zu erzählen... Und da wir in diesem Jahr keine Konzerte geben, nutzen wir die Zeit um das Album zu promoten.
?: Ihr macht einen erholten, relaxten Eindruck!
Andy: Dave ist ehrlich gesagt besser in Form als wir beiden (lacht)!
Dave: Ich bin jetzt seit acht Monaten clean und sprühe nur so vor Elan!
?: Warum werdet ihr dieses Jahr keine Konzerte geben?
Martin: Wir sind rein psychologisch nicht in der Lage, dieses Jahr live zu spielen. Es wäre auch unfair Dave gegenüber... Vielleicht machen wir ein paar Fernsehauftritte, aber keine kompletten Gigs! Das heißt nicht, dass wir das Touren für immer an den Nagel gehängt haben.
Dave: Bisher waren wir nach jeder neuen Platte auf Tournee. Beim letzten Mal haben wir uns zuviel zugemutet. Diesen Fehler wollen wir nicht noch einmal machen.
?: Und was haltet Ihr von einer Clubtour a la Erasure?
Andy: In gewisser Weise ist das schon interessant. Aber wir haben so viele Fans überall auf der Welt... das Ganze würde wahrscheinlich damit enden, dass wir dann fünf Jahre unterwegs wären.
Martin: Es klingt sehr romantisch. Aber unsere Art von Musik hören die Leute lieber in einer etwas bequemeren Umgebung, als in einem verschwitzen, winzigen Club. Und mit Surprise-Gigs ist das auch immer so eine Sache. Da spielt man eigentlich vor 200 bis 300 Leuten von Plattenfirmen. Die wirklichen Fans, die unsere Platten kaufen, gucken wieder in die Röhre. Das ist einfach so!
?: Martin, ich habe gehört, dass es während eures Aufenthalts in New York einen Zeitpunkt gab, an dem du alles hinschmeißen wolltest. Du hast über das Für und Wider der Band nachgedacht und dich entschieden, weiterzumachen. Was sprach für und was gegen Depeche Mode?
Martin: Zu diesem Zeitpunkt sprach ziemlich viel dagegen. Die Zusammenarbeit mit Dave war beinahe unerträglich. Er war völlig unberechenbar. An einem Tag war er dein bester Freund, am nächsten Tag hasste er dich abgrundtief. Seine Launen wechselten ständig. Wir haben ihn dann zurück nach L.A. geschickt, um Gesangsunterricht zu nehmen und sein Leben zu ordnen. Als nächstes hörten wir dann im Radio von der Überdosis und seiner Verhaftung. Es liegt also auf der Hand, was gegen Depeche Mode sprach... Auf der anderen Seite schaffen wir, wenn wir zusammen sind, immer etwas ganz Besonderes. Wir hatten bereits acht Songs für das neue Album fertig. Die Musik klang vielversprechend. Es kam jetzt darauf an, Dave so weit zu stabilisieren, dass wir die Gesangparts aufnehmen konnten.
Dave: Ich habe in New York nur einen einzigen Titel eingesungen. Meine Stimme war total am Ende. Nur noch ein Krächzen. Ich kam jeden Tag ins Studio, aber es ging nicht. Das war ziemlich frustrierend. Die Arbeit an der Musik ging gut voran. Aber was nutzt die tollste Musik, wenn es mit dem Gesang nicht klappt... Ich glaube, wenn ich die Drogen nicht aufgegeben hätte, wäre die Band zerbrochen. Zum Glück für alle Beteiligten und natürlich für mich selbst habe ich mich entschieden, damit aufzuhören. Ich glaube, ich habe eine erstaunliche Kehrtwende gemacht!
Andy: Aber bevor wir ihn soweit hatten... (schüttelt ernst den Kopf)
Martin: Ich bin froh, dass wir weitergemacht haben. Für Dave war das sehr wichtig. So hatte er etwas, an dem er sich festhalten konnte. Er hatte ja auch gerade seine zweite Scheidung hinter sich. Die Band war das Einzige, was ihm noch geblieben ist...
?: Dave, lebst du immer noch in den USA?
Dave: Ich bin nach New York umgezogen. Die meiste Zeit bin ich momentan aber in London.
?: In den 80ern hattet ihr das Image von vier guten Freunden. Wie ist das heute? Ist die Band nur noch ein Job?
Andy: Die Band ist eher wie eine Familie. Wir kennen uns alle ganz genau. Würden wir außerhalb der "Arbeitszeit" noch mehr Zeit miteinander verbringen, würden wir wohl verrückt. Aber meistens arbeiten wir sowieso. Es ist, als wären wir Brüder. Wenn man bedenkt, wie lange wir uns schon kennen, kommen wir noch erstaunlich gut miteinander aus.
Dave: Im Moment verstehen wir uns sogar besser als zuvor! Fast alle Interviews machen wir heute zusammen. Das haben wir früher z. B. nie gemacht.
?: Wie geht ihr damit um, dass die Medien mehr Interesse an Daves Eskapaden als an eurer Musik haben?
Martin: Das ist ja nicht das erste mal (lacht)! Aber es ist schon witzig. Nach der Überdosis gab es über uns mehr Berichte als je zuvor. Die Sunday Times hat uns z. B. eine komplette Doppelseite gewidmet. Es ist unglaublich, aber das ist wahrscheinlich unsere einzige Chance, von denen interviewt zu werden! Wir haben aber auch nichts anders erwartet. Die werden ganz bestimmt nicht über ein neues Album schreiben.
Dave: Ich habe mich auch bewusst dazu entschlossen, Interviews zu geben und über alles offen zu reden. Ich dachte, damit sei die Geschichte vom Tisch, und die Leute würden sich wieder auf die Musik konzentrieren. So ist es aber leider nicht. Nun möchte jeder einzelne Journalist auf der Welt die Story höchstpersönlich erzählt bekommen (lacht).
?: Dann sollten wir schnell auf das Album zu sprechen kommen! Warum heißt es "Ultra"?
Martin: Ich finde "Ultra" drückt etwas Positives aus. Es ist eine Art Witz. Nachdem uns Alan verlassen hat, sind wir jetzt ein neues, schlankeres Produkt. Depeche Mode "Ultra" eben.
Andy: "Songs Of Faith And Devotion" war dagegen kein genialer Albumtitel! Die Leute nennen es einfach SOFAD (er zieht die Augenbrauen hoch und spricht es wie "fat" aus). Diesmal haben wir es gleich bei fünf Buchstaben gelassen.
?: Die Platte klingt aber gar nicht ultra im Sinne von modern und energisch.
Dave: Stimmt, wir wollten auch kein extremes Album machen. Ich denke trotzdem, dass die Bezeichnung passt. Besonders zum jetzigen Zeitpunkt in unserer Karriere. Würde eine junge Band ihr Debüt-Album "Ultra" nennen, gebe dies keinen Sinn. Für uns ist der Titel perfekt!
?: Martin, wann hast du angefangen, die Songs zu "Ultra" zu schreiben?
Martin: Nach der letzten Tour brauchten wir erst einmal eine Pause. Es hat ca. sechs Monate gedauert, bevor ich wieder einen Stift oder eine Gitarre in die Hand genommen habe. "Home" war der erste Titel, den ich geschrieben habe.
?: Wie kam es zu der ungewöhnlichen Zusammenarbeit mit Tim Simeon?
Martin: Tim hat früher schon Remixe für uns gemacht. Er war schon immer ein großer Depeche Mode-Fan. Nach den ersten Demo-Aufnahmen dachten wir, es wäre interessant, mit jemandem aus dem Dance-Sektor zu arbeiten. Wir wussten nicht, was dabei herauskommen würde. Das Album sollte aber ganz bewusst elektronischer als sein Vorgänger werden. Wir haben uns auf die Grooves konzentriert, auch wenn sie nicht besonders schnell ausgefallen sind. Ich weiß, dass das Wort "Dance" einige Leute abschreckt. Für mich ist "Dance" aber nicht gleichzusetzen mit diesem 120-180 BPM-Kram. Unsere Songs liegen vielleicht bei 90 BPM.
Andy: Das Album ist eigentlich eher ein Nachfolger von "Violator".
?: Manche Leute behaupten, Tim hätte Alan Wilder ersetzt.
Dave: Das hätte er gerne (lacht)! Er hat uns geholfen, die Lücke zu füllen, die Alan bei seinem Ausstieg hinterlassen hat. Tim arbeitet immer mit demselben Team: einem Techniker, einem Programmierer und einem Musiker. Letzerer war uns sehr wichtig, da Alan bei Depeche Mode der Musiker war. Er hatte eine klassische Ausbildung.
?: Welche Erwartungen hat man nach 12 Alben eigentlich noch, was den nächsten Release angeht?
Andy: Natürlich möchten wir, dass sich "Ultra" gut verkauft. Wir haben fast zwei Jahre an dem Album gearbeitet und wollen das jetzt genießen. Wir streben mit unserer Musik keine Weltherrschaft an - wir wollen einfach gute Platten machen.
Dave: Bei unserem letzten Album waren wir vom Tag der Veröffentlichung an zwei Jahre im Dauerstreß. Es wäre schön, wenn wir diesmal unseren Erfolg mehr genießen könnten. Wir sind sehr stolz auf "Ultra"!
?: Gerade im Bereich der elektronischen Musik gibt es interessante Entwicklungen. Kompromisslose Bands wie Prodigy oder Nine Inch Nails sind auf dem Vormarsch. Depeche Mode, die Urväter des Elektro, machen ein so zurückhaltendes Album. Wollt ihr euch aus der Szene zurückziehen?
Dave: Unsere Musik ist ja immer noch elektronisch. Wir haben uns aber geöffnet, was der Atmosphäre der Songs dient. Außerdem sind wir immer schon gegen den Strom geschwommen. Als elektronische Musik völlig out war, haben wir unser Ding durchgezogen. Jetzt, wo Elektronik von allen akzeptiert wird, experimentieren wir ein bisschen rum und probieren andere Sachen aus.
Andy: Wenn wir wollten, könnten wir auch Musik wie Prodigy machen. Aber elektronische Musik umfasst doch viel mehr. Es gibt wunderschöne, sehr gefühlvolle Sachen. Nicht nur dududududud (imitiert den Knüppel-Techno-Sound).
?: "Barrel Of A Gun" orientiert sich aber an dem zur Zeit angesagten Industrial-Sound. Es war also eine geschickte Marketingmaßnahme, diesen Song zuerst auszukoppeln!
Martin: Wir wollten uns mit einem lauten Knall zurückmelden! "Barrel Of A Gun" ist eher untypisch für uns. Deswegen haben wir uns dazu entschieden. In Amerika ist Industrial schon seit einiger Zeit auf dem absteigenden Ast. Damit, dass sich ein paar von diesen Klischeemerkmalen wie verzerrten Gesang darauf wiederfinden, habe ich kein Problem. Das ist auch eine Seite von uns.
Andy: Genau, der zweite Track, der zur Auswahl stand, ist "No Good". Nachdem, was die Band durchgemacht hat, war der Track als erste Single zu poppig. Es wird die zweite Single.
?: Martin, wie schreibst du eigentlich deine Songs?
Martin: Nun, die Demos mussten diesmal fix und fertig sein, als wir ins Studio gingen, da Alan nun nicht mehr dabei ist. Sonst hat er seine Kreativität mehr mit eingebracht. Dann haben wir viel ausprobiert. Manchmal haben wir dann auch ein Stück komplett umgeschrieben. "Freestate" hat uns seinerzeit echte Kopfschmerzen bereitet. Es war zu poppig.
Dave: Es gibt eine Grenzlinie zur Kommerzialität. Auch wenn wir uns ihr manchmal bedrohlich genähert haben, wie mit "Enjoy The Silence", sind wir bisher immer auf der richtigen Seite geblieben.
?: Hättet ihr nicht Lust einmal etwas komplett anderes auszuprobieren? Vielleicht einen Soundtrack zu einem Kinofilm?
Martin: Das ist alles eine Frage der Zeit. Interessieren würde uns das schon. Zwischen "Songs Of Faith And Devotion" und "Ultra" sind vier Jahre vergangen. Wenn wir uns da noch Nebenprojekten widmen würden, käme das nächste Depeche Mode-Album in zehn Jahren. Wir werden in Zukunft mit Sicherheit mehr Platten veröffentlichen.
?: Wieviel Comebacks kann eine Band haben?
Dave: Wir sind doch nicht Gary Glitter (lacht)!!! Wir haben ja eigentlich gar nicht aufgehört zu arbeiten. Nun gut, ich habe sechs Monate Pause gemacht, aber das ist doch nicht lange! Naja, vier Jahre sind im Musikgeschäft natürlich schon eine lange Zeit. Andere Bands haben da einige Comebacks, wir nur eins!
?: Welche Stücke auf "Ultra" gefallen euch am besten?
Andy: Ich mag "Home" sehr gerne.
Martin: ich weiß es nicht, das wechselt ständig. Im Moment höre ich das Album überhaupt nicht. Es erstaunt mich, dass Andy das Album immer noch zehn Mal am Tag hören kann.
Andy: Ich finde, es ist das Beste, was wir seit Jahren gemacht haben!
Martin: ich sage ja auch nicht, dass es mir nicht gefällt. Ich brauche nur eine Pause.
Andy: Da fällt mir eine lustige Geschichte ein: Wir waren einmal alle bei Tim zu Hause. Wir mussten den Sound der CD checken, ob die Pausen an den richtigen Stellen waren etc. Ich habe mir einen Notizblock geholt, und wir lagen alle auf dem Fußboden. Das Licht wurde gedimmt, Tims Freundin hat nebenbei gestrickt. Wir hörten das ganze Album durch. Ich hatte zum Schluss sieben Punkte aufgelistet. Martin war nach dem dritten Titel eingeschlafen....
?: Habt Ihr "Ultra" schon euren Kindern vorgespielt?
Andy: Die hören die CD von ganz alleine. Sie mögen sie auf alle Fälle.
Martin: Ich glaube, wir haben uns alle ziemlich verändert. Wir sind inzwischen ganz passable Familienväter. Wir müssten demzufolge das perfekte Album für 35jährige in Strickjacken abliefern (alle lachen).
?: Wäre es schlimm, wenn 35jährige in Strickjacken eure Musik hören würden?!
Martin: Es gibt bestimmt einige... Wir wollen einfach unterschiedliche Leute erreichen. Vor kurzem habe ich einen Fan-Brief von einer 12jährigen bekommen. Das hatte ich lange nicht mehr!
?: Habt Ihr eine Reaktion von Alan auf das neue Album bekommen?
Andy: Niemand von uns sieht Alan! Es hat ihn auch niemand je gesehen. Er ist ein Einzelgänger und hat keine Freunde. Das klingt traurig, ist aber so! Er lebt auf dem Land, in einem großen Haus mit Tieren und allem, was dazugehört. Aber er hat mir eine Weihnachtskarte geschrieben und mir alles Gute gewünscht, dabei hasst er mich!!! Er hat mich immer gehasst! Er ist ein seltsamer Typ. Er hat eine "Wer kriegt alles eine Weihnachtskarte?"-Liste. Dave hat übrigens auch eine von ihm bekommen.
?: Wann hat er euch mitgeteilt, dass er aussteigt?
Martin: So ungefähr sechs Monate nach der Tour. Er hat wahrscheinlich angenommen, das sei das Ende der Band. Wir haben ihn auch nicht überredet zu bleiben. Er war immer unglücklich bei uns!
?: Danke für das Gespräch!

Helmar Giebel


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